Wild nach einem wilden Traum
Bild: Verena Roßbacher. Foto Joachim Germ
Der Katalane, der Soldat, die Liebe, das Schreiben
Von Verena Roßbacher

Julia Schoch
Wild nach einem wilden Traum.
Biographie einer Frau
Band 3
176 S., dtv
ISBN-13-978-3-423-28425-7, 2025
Dies ist nach „Das Vorkommnis“ und „Das Liebespaar des Jahrhunderts“ der letzte Teil einer Trilogie, die sich insgesamt „Biographie einer Frau“ nennt.
Ist das jetzt blöd, wenn man die ersten beiden Bände nicht gelesen hat? Nein, ist egal. Man kann sie lesen (was ich empfehle), man kann sie nicht lesen, man kann sie in wahlloser Reihenfolge lesen und zum Beispiel mit diesem hier starten (hab ich auch gemacht). Ich vermute, dass es den meisten Leserinnen und Lesern dann geht wie mir und man große Lust verspürt, auch die anderen beiden zu lesen. Man will nach diesem Blick auf ein Leben bitte das ganze Bild. (Man kriegt nie das ganze Bild. Gut, man will zumindest ein bisschen mehr davon.)
Wie der Übertitel unschwer erkennen lässt, wird hier der Versuch gemacht, das Leben einer Frau aus verschiedenen Perspektiven und Phasen ihres Lebens zu erzählen. Dies geschieht keineswegs chronologisch, eher thematisch, darum spielt die Reihenfolge auch keine Rolle.
Der erste Band beginnt damit, dass die Protagonistin, die durchaus viel mit der Autorin gemeinsam hat, nach einer Lesung Bücher signiert, als eine ihr unbekannte Frau an sie herantritt und ihr mitteilt, sie hätten den gleichen Vater. Aus diesem „Vorkommnis“ entspinnt sich die ganze Geschichte, ein Nachdenken über Familie und Herkunft (Tochter eines Offiziers, aufgewachsen in einer Garnisonsstadt in der ehemaligen DDR), wie auch über ihre eigene Ehe und Familie. Im zweiten Band geht es um diese Ehe, die nach vielen Jahren an ihrem Ende angekommen zu sein scheint. Ein Paar, das sich immer als ideales Paar empfand, driftet auseinander, das Leben mit den Kindern, festgefahrene Routinen, unausgesprochene Vorwürfe, der Verlust von Idealen, kurzum: Der Alltag scheint die ursprüngliche Energie aufgebraucht zu haben. Fast schon chronisch denkt die Protagonistin über eine Trennung nach, die sie dann doch niemals vollzieht. Nun, im dritten und letzten Band, erinnert sie sich an einen Aufenthalt in einer Künstlerkolonie vor vielen Jahren in den USA. Sie war damals noch Literaturwissenschaftlerin, schon seit langem mit ihrem Mann zusammen und stürzt sich quasi Hals über Kopf in eine stürmische Affäre mit „dem Katalanen“, einem Autor, der ebenfalls in der Künstlerkolonie weilt. Er gefällt ihr nicht einmal besonders, er ist nicht ihr Typ, die Unterhaltungen sind eher spärlich, sie geht einfach wahnsinnig gern mit ihm ins Bett und viel anderes machen sie eigentlich auch nicht. Interessanterweise dreht es sich dabei handlungstechnisch kaum um Sex, viel mehr um die Leidenschaft, in die sie sich, voller Eifer kann man sagen, stürzt. Tatsächlich beschäftigt sie dabei auch weniger die Affäre an sich. Keinen einzigen Gedanken zum Beispiel verschwendet sie dabei an Fragen wie Treue oder Untreue, richtig oder falsch. Es geht um diesen starken Wunsch. Sie erinnert sich – und wie scheinbar leicht sie dabei zwei sehr unterschiedliche Lebensphasen miteinander verbindet und eine Parallele zieht – an die Begegnung mit einem Soldaten, die sie als Zwölfjährige im Wald am Rande der Garnisonsstadt hatte, in der sie aufwuchs. Der Soldat, ob einer Verletzung vom Dienst befreit, wartet fortan regelmäßig auf sie. Wie sie selbst wirkt er einsam, hofft auf ein aufregendes, zukünftiges Leben. Sie beide verbindet eine starke Sehnsucht nach mehr, er muss seinen Militärdienst aushalten, sie die unendliche Ödnis dieser Provinz am Stettiner Haff. Schon in diesen wiederholten, geheim gehaltenen Treffen erkennt sie in sich selbst den diffusen Wunsch nach Abenteuer, nach starken Gefühlen. Sie ist sich bewusst, dass es ein schmaler Grat ist, auf dem sie geht, nimmt die etwaige Gefahr aber in Kauf, um im Gegenzug andere, neue Erfahrungen zu machen. Der Titel des Buches ist der Satz, den der Soldat ihr, die schon damals Schriftstellerin werden möchte, rät: „Ich bin sicher, du schaffst es, bestimmt. Man muss wild danach sein. Wild nach einem wilden Traum. – Er wiederholt den Satz, zweimal.“
Neulich las ich irgendwo, es gäbe im Großen und Ganzen zwei Wege, das Leben anzupacken: entweder mit dem Ziel, glücklich zu werden, oder mit dem, möglichst viele Erfahrungen zu machen. Das ist nicht zwangsläufig dasselbe. Die Protagonistin sucht die Intensität, sie scheint dann am lebendigsten, wenn sie dieser nachgeht („der Katalane“). In den Jahren der Familiengründung, der Konsolidierung, des ruhigen Dahinfließens des Alltags scheint ihr etwas Wesentliches ihrer selbst abhandengekommen zu sein. Bemerkenswert ist, dass sie all dies nicht bewertet. Aus der Perspektive einer (anzunehmend) über Fünfzigjährigen blickt sie kühl und mit erfreulich trockenem Witz auf sich selbst in ihren verschiedenen Stadien der Entfaltung, der Stagnation, der Regression, wie eine Ethnologin mit einem ziemlich speziellen Spezialgebiet, nämlich sie selbst. An manchen Stellen erkennt man sich beim Lesen wieder, an manchen erkennt man sich als das genaue Gegenteil, manches ist einem vertraut und vieles auch fremd, das spielt aber gar keine Rolle. Da die Protagonistin sich selbst anbietet als Studienobjekt, können wir Leserinnen und Leser uns ganz bequem um sie herum bewegen und anstatt über uns denken wir über sie nach und dann haben wir im Endeffekt doch über uns nachgedacht. █






