Mal eine Zeit lang woanders sein

Bild: Verena Roßbacher. Foto Joachim Germ

Liz Moore
Der Gott des Waldes
Roman
590 S., C.H. Beck
ISBN 978-3-406-82977-2, 2025

Von Verena Roßbacher

Ab und zu ist es sehr schön, sich ausführlich der Lektüre dessen zu widmen, was man einen Schmöker nennt. Erfreulich viele Seiten, eine fesselnde, gute Unterhaltung und ein zufriedenes Versinken in eine Welt, die zu verlassen man am Ende bedauert. Klassischerweise ist das eine eher anspruchslose Angelegenheit, aber man täte Liz Moores aktuellem Werk unrecht, es darunter zu verbuchen. Sagen wir, es ist ein solider gesellschaftskritischer Thriller. Aber was heißt schon Thriller, es ist eine recht unblutige und dennoch packende Krimihandlung, souverän geschrieben, geschickt über mehrere Zeit-ebenen hinweg gebaut und verwoben, und beim Zuklappen hat man dieses diffuse Bedürfnis, weitere Bücher zu lesen, die in den Adirondacks spielen. Ein Schmöker mit Niveau – und manchmal ist es nicht mehr, aber auch nicht weniger, was man braucht, um glücklich zu sein.

In diesen Adirondacks, inmitten eines riesigen Naturreservats im Bundesstaat New York, beginnt 1975 die Handlung.
Seit vielen Jahren ist Camp Emerson, eine Art Pfadfinderlager am Rand des Waldes, eine Institution, die gut betuchte Eltern dazu bewegt, ihre Kinder dort den Sommer verbringen zu lassen. Gegründet wurde das Camp vor vielen Jahrzehnten von den Vorfahren der jetzigen Besitzer, der Familie Van Laar, ihnen gehören die Wälder und Ländereien ringsum.
Die Kinder leben in einfachen Hütten, treffen sich morgens zum Appell und gehen im Verlauf des Tages allerlei Freizeitaktivitäten nach, lernen, Feuer zu machen, und absolvieren eine Art Überlebenstraining. Traditionell endet das Camp damit, dass die Kinder allein in die Wildnis gehen, um dort mit den in den Wochen zuvor gelernten Fähigkeiten zurechtzukommen. Und eine Wildnis ist es tatsächlich. Eine der wichtigsten Regeln, die die Kinder gleich zu Beginn des Sommers verinnerlichen sollen, lautet: Wenn du dich verläufst, setz dich hin und schrei. „Der Grund dafür lag auf der Hand: Jeder Versuch, auf eigene Faust aus dem Wald herauszufinden, konnte dazu führen, dass man die Orientierung verlor. Selbst ein erfahrener Ranger konnte sich in den Adirondacks verlaufen.“

In diesem Jahr nimmt die 13-jährige Barbara Van Laar, Tochter der Besitzer, am Ferienlager teil. Als Louise, die Betreuerin ihrer Gruppe, eine Woche nach Ferienbeginn am Morgen kommt, um die Kinder zu wecken, ist das Mädchen verschwunden und bleibt unauffindbar.

Es ist nicht das erste Drama dieser Art. 14 Jahre zuvor verschwand Barbaras Bruder Bear und trotz einer Suche, an der sich praktisch die gesamte Kleinstadt beteiligte, wurde von ihm nie wieder eine Spur gefunden.
Die mit der Untersuchung betraute Kommissarin Judyta gelangt schnell zu der Auffassung, dass beide Fälle miteinander in Verbindung stehen. Ihre Nachforschungen und Fragen stoßen jedoch immer wieder auf Widerstände und Ungereimtheiten.

In den Fokus rücken bei ihren Recherchen einerseits die anderen Kinder und die Angestellten des Camps, andererseits Barbaras Familie, dazu die Bediensteten in der Villa und die Gäste, die dort zu Besuch sind. Insgesamt kommt sie auf etwa ein Dutzend Verdächtige, die alle ihre ganz eigenen Gründe haben, Dinge zu verschweigen oder zu lügen.
Da ist Annabel, die Betreuerin, die in der Nacht ihre Aufsichtspflicht versäumte; Louise, die dafür gerade stehen muss und irgendwie mit einem der Besucher der Van Laars verbunden zu sein scheint. Alice, die Mutter der Kinder, die als junge Frau in die Familie einheiratete und, offensichtlich tief unglücklich, über die Jahre zur Alkoholikerin wurde und deren Version der Ereignisse schwammig bleibt. Da ist der Großvater der Kinder, der damals der Letzte war, der den Jungen gesehen hat, bevor dieser verschwand, und seine Frau, die etwas anderes erzählt als er. Da sind zu Unrecht Beschuldigte und ihre verbitterten Angehörigen, da sind die Macht des Geldes und ein ganzer Kosmos, der sich danach richten muss.
Dank unterschiedlicher Perspektiven und Rückblicke zurück in die Fünfzigerjahre und ins Jahr 1961, als Bear verschwand, gelingt es Moore und damit ihrer Ermittlerin, die Geschehnisse von verschiedenen Seiten zu beleuchten und aufzulösen.

Man könnte sagen, der eigentliche Plot ist schlussendlich gar nicht so aufregend. Wie Moore dahin gelangt, was man dabei alles erfährt, über Klasse und Rasse, über die Machtgefüge der amerikanischen Gesellschaft in dieser Zeit, über den Niedergang einer Familie und nicht zuletzt über die wilde Schönheit einer uralten Landschaft nicht weit von New York City, das vermag einen sehr zu packen, an einem Winterabend. Oder an einem Tag, an dem es schon ein bisschen Frühling wird. Oder einfach irgendwann, wenn man Lust auf ein schönes, dickes Buch hat, das einen für eine Weile reinzieht in eine Zeit und einen Ort, der nicht hier und der nicht jetzt ist. 

In diesen Adirondacks, inmitten eines riesigen Naturreservats im Bundesstaat New York, beginnt 1975 die Handlung.

Seit vielen Jahren ist Camp Emerson, eine Art Pfadfinderlager am Rand des Waldes, eine Institution, die gut betuchte Eltern dazu bewegt, ihre Kinder dort den Sommer verbringen zu lassen. Gegründet wurde das Camp vor vielen Jahrzehnten von den Vorfahren der jetzigen Besitzer, der Familie van Laar, ihnen gehören die Wälder und Ländereien ringsum.

Die Kinder leben in einfachen Hütten, treffen sich morgens zum Appell und gehen im Verlauf des Tages allerlei Freizeitaktivitäten nach, lernen, Feuer zu machen, und absolvieren eine Art Überlebenstraining. Traditionell endet das Camp damit, dass die Kinder allein in die Wildnis gehen, um dort mit den in den Wochen zuvor gelernten Fähigkeiten zurechtzukommen. Und eine Wildnis ist es tatsächlich. Eine der wichtigsten Regeln, die die Kinder gleich zu Beginn des Sommers verinnerlichen sollen, lautet: Wenn du dich verläufst, setz dich hin und schrei. „Der Grund dafür lag auf der Hand: Jeder Versuch, auf eigene Faust aus dem Wald herauszufinden, konnte dazu führen, dass man die Orientierung verlor. Selbst ein erfahrener Ranger konnte sich in den Adirondacks verlaufen.“

In diesem Jahr nimmt die 13-jährige Barbara van Laar, Tochter der Besitzer, am Ferienlager teil. Als Louise, die Betreuerin ihrer Gruppe, eine Woche nach Ferienbeginn am Morgen kommt, um die Kinder zu wecken, ist das Mädchen verschwunden und bleibt unauffindbar.

Es ist nicht das erste Drama dieser Art. 14 Jahre zuvor verschwand Barbaras Bruder Bear und trotz einer Suche, an der sich praktisch die gesamte Kleinstadt beteiligte, wurde von ihm nie wieder eine Spur gefunden.

Die mit der Untersuchung betraute Kommissarin Judyta gelangt schnell zu der Auffassung, dass beide Fälle miteinander in Verbindung stehen. Ihre Nachforschungen und Fragen stoßen jedoch immer wieder auf Widerstände und Ungereimtheiten.

In den Fokus rücken bei ihren Recherchen einerseits die anderen Kinder und die Angestellten des Camps, andererseits Barbaras Familie, dazu die Bediensteten in der Villa und die Gäste, die dort zu Besuch sind. Insgesamt kommt sie auf etwa ein Dutzend Verdächtige, die alle ihre ganz eigenen Gründe haben, Dinge zu verschweigen oder zu lügen.

Da ist Annabel, die Betreuerin, die in der Nacht ihre Aufsichtspflicht versäumte; Louise, die dafür gerade stehen muss und irgendwie mit einem der Besucher der Van Laars verbunden zu sein scheint. Alice, die Mutter der Kinder, die als junge Frau in die Familie einheiratete und, offensichtlich tief unglücklich, über die Jahre zur Alkoholikerin wurde und deren Version der Ereignisse schwammig bleibt. Da ist der Großvater der Kinder, der damals der Letzte war, der den Jungen gesehen hat, bevor dieser verschwand, und seine Frau, die etwas anderes erzählt als er. Da sind zu Unrecht Beschuldigte und ihre verbitterten Angehörigen, da sind die Macht des Geldes und ein ganzer Kosmos, der sich danach richten muss.

Dank unterschiedlicher Perspektiven und Rückblicke zurück in die Fünfzigerjahre und ins Jahr 1961, als Bear verschwand, gelingt es Moore und damit ihrer Ermittlerin, die Geschehnisse von verschiedenen Seiten zu beleuchten und aufzulösen.

Man könnte sagen, der eigentliche Plot ist schlussendlich gar nicht so aufregend. Wie Moore dahin gelangt, was man dabei alles erfährt, über Klasse und Rasse, über die Machtgefüge der amerikanischen Gesellschaft in dieser Zeit, über den Niedergang einer Familie und nicht zuletzt über die wilde Schönheit einer uralten Landschaft nicht weit von New York City, das vermag einen sehr zu packen, an einem Winterabend. Oder an einem Tag, an dem es schon ein bisschen Frühling wird. Oder einfach irgendwann, wenn man Lust auf ein schönes, dickes Buch hat, das einen für eine Weile reinzieht in eine Zeit und einen Ort, der nicht hier und der nicht jetzt ist.


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