Zusammen denken statt einsam lenken
Bild: Katia und Gerold Schneider. Foto Julien T. Hamond
Ausgerechnet im Nobel-Skiort Lech, wo Schneekristalle mit Diamanten am Finger um die Wette funkeln, hat sich schon vor Jahren eine engagierte Initiative fürs Gemeinwohl entwickelt – nun erfährt die „allmeinde commongrounds“ rund um das Hotelier-Paar Schneider Zuwachs.
Von Angelika Drnek
Im Nobel-Skiort Lech am Arlberg hat das Hotelbetreiber- und Architektenpaar Katia und Gerold Schneider schon vor über 25 Jahren die „allmeinde commongrounds“ ins Leben gerufen – einen Raum, der Gedanken zulassen, Diskurse beleben und den Blick auf neue Perspektiven freigeben soll. Mit unterschiedlichsten Formaten füllt das Paar seither diesen Raum, ein umgebautes Stallgebäude. Es entstand über die Jahre eine ganze Reihe von Kunstausstellungen, Publikationen und Konzepten. Der Denkraum war immer gedacht als Instrument, das dem Gemeinwohl dienen soll, im besten Falle der Gemeinde Lech als Plattform mit „transformatorischer Absicht“, wie Gerold Schneider sagt, eine Brücke in die Zukunft bauen.

Transformation ist ein Stichwort unserer Zeit, das den Weg an die digitalen Pinnwände österreichischer Skitourismus-Manager bereits gefunden hat. Allein, wohin geht die Reise wirklich? Es sind Fragen wie diese, die das Ehepaar Schneider gerne weit stärker verhandelt sähe, als das bisher der Fall ist – nicht ewig werden die Alpen winters im Schnee versinken, Pistenkilometer ohne Schneekanonen wirken fast schon nostalgisch. „Der Tourismus ist eine Branche, die Kritik von außen eher abstößt als begrüßt“, macht Gerold Schneider aufmerksam. Das sieht er gerade in Zeiten des krisenhaften Übergangs als zumindest problematisch. „Wohin gehen wir, wer sind wir?“, fragt er. Betrachtet man die sich wandelnden Strukturen in Lech – etwa mehr Chalets, weniger Pensionen –, so könnten Antworten auf diese Fragen durchaus bedeutsam sein. Doch wer stellt sie tatsächlich?
Lech ist ein gutes Beispiel dafür, wie politischer Diskurs in den Gemeindestuben eher gedrosselt als angeregt wird. Unübersehbares Ergebnis dieser zweifelhaften Kultur ist das gigantische zweiteilige Gemeindezentrum, das im Grunde niemand braucht. Stattdessen wurde damit auf Generationen hinweg für enorme Schulden gesorgt. Gerade in einem solch demokratisch-diskursiven Vakuum ist der Allmeinde-Gedanke eine wohltuende Alternative: keine Angst vor Kompetenz von außen, um Problemlagen im Inneren zu lösen, hungrige Eigeninitiative statt sattes Zurücklehnen, mitreden statt durchwinken, dem anderen Standpunkt im eigenen Denken Raum geben, die Spannung halten.

Zwar geben die Schneiders zu, dass die Resonanz innerhalb der Gemeinde zurückhaltend ausfällt, doch wollen sie auch in Zukunft unbeirrt weitermachen. Zudem bekommt die „allmeinde commongrounds“ nun gerade Zuwachs – in Form des liebevoll und behutsam renovierten Hauses Walch in Zug – auf Bausubstanz, die bis ins Jahr 1609 zurückreicht. Dort entsteht unter anderem ein sechs Meter hoher Werkraum, in dem „etwas geschaffen, in dem gearbeitet werden kann“, wie Gerold Schneider erklärt. Ein integrierter Ausstellungsraum ergänzt die dort geschaffene Infrastruktur. Das Konzept für diese „handfeste“ Ausformung der „allmeinde commongrounds“ ist bewusst noch nicht gänzlich ausformuliert, es soll erst einmal die Chance bekommen, zu wachsen. Klar ist aber, dass Menschen die Räume für ihre Kunst, ihre Arbeit und ihre Ideen nutzen können – und zwar das ganze Jahr über. Egal, ob Schnee liegt, Sonne scheint oder ob sich gerade Nebel über das Dorf senkt.






