Bisher sind wir unter dem Radar geflogen

Die Roma-Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas beschäftigt sich in ihren farbenfrohen Arbeiten mit dem Leben, der Geschichte und der Kultur der Roma. Dafür nimmt sie auch die Schere in die Hand.
Von Angelika Drnek

Sie sind bekannt für Ihre Arbeiten aus Stoff. Was transportiert dieses Material?
Małgorzata Mirga-Tas: Schon während meines Studiums habe ich angefangen, meine Kleider umzunähen, neu zu gestalten. Zudem habe ich Second-Hand-Klamotten gekauft, ein wilder Mix. Und selbst wenn ich die Sachen jahrelang nicht angezogen habe – ich konnte und wollte sie einfach nicht in den Müll werfen.

Was machen Sie mit diesen Kleidern?
Ich habe sie in meine Arbeit integriert, sie mit Farbe gemischt. Die Kleider haben für mich eine Bedeutung. Sie sind voll von Energie und Erinnerungen – auf einer nahezu spirituellen Ebene. Kleider reisen viel, und ich schenke ihnen ein zweites Leben. So existieren auch die Erinnerungen an die Menschen, die diese Kleider einst getragen haben, weiter. Kleidung schützt uns, unseren Körper, das kann man auch symbolisch betrachten. Die Stoffe sind also nicht einfach nur Material für mich, sie bedeuten mehr. Auch meinen Figuren verleihen diese Kleider eine ganz eigene Art der Spiritualität.

Sie verwenden in Ihren Arbeiten kräftige Farben. Welchen Stellenwert nimmt die Farbe als Medium für Sie ein?
Eigentlich ist für mich eine Textur oder ein Muster wesentlicher als die Farbe, speziell bei meinen textilen Arbeiten. Anders verhält es sich bei der Arbeit mit historischen Fotografien in Schwarz-Weiß.

Was geschieht mit diesen Fotografien?
Sie dienen mir als Vorlage für meine Bilder, und ich kann selbst entscheiden, wie ich das, was darauf abgebildet ist, darstellen will, auch wie viel Farbe ich diesen Bildern geben will.

Sie wählen diese Fotografien aus verschiedenen Archiven. Was interessiert Sie an diesen Motiven?
Ich verwende Bilder etwa aus dem Archiv meines Onkels, der Ethnologie studiert und viele Fotografien angefertigt hat. Ich halte mich aber nicht immer an das, was auf diesen Bildern zu erkennen ist, sondern tausche Personen aus, setze neue Familien zusammen. Fast so, als würde ich an einer einzigen großen Familie arbeiten. So entstehen neue Bezüge, neue Situationen. Eine große Rolle spielen auch Fotografien von Beerdigungen. Denn sie werden zwar geschossen, aber normalerweise nicht herumgezeigt. In meinen Bildern können die Menschen nun für immer zusammen sein.

Sie setzen sich stark mit dem Begriff der Identität auseinander. Wie beeinflusst uns die Idee der Identität, was macht sie aus?
Ja, was bedeutet Identität eigentlich? Natürlich identifiziere ich mich als Roma, aber auch als Frau, als Mutter, als Künstlerin. Wir alle haben mehr als nur die eine Identität. Ich bin natürlich auch Polin, aber wesentlicher für mich ist meine Identität als Roma. Das ist meine Muttersprache, Polnisch ist nur meine Zweitsprache. Roma, das bleibt der Kern, das wird nie anders sein: meine Wurzeln, mein Blut, meine Geschichte, meine Gemeinschaft. Dort, wo ich aufgewachsen bin. Unsere Familienbande sind sehr stark.

Im Laufe ihrer Karriere entscheiden sich viele Künstlerinnen und Künstler dafür, in eine Metropole wie New York oder London zu ziehen. Sie aber leben weiterhin in Ihrem Heimatdorf. War die urbane Fremde nie ein Thema?
Ich ziehe es vor, bei meiner Familie zu leben, an dem Ort, der für mich Sicherheit bedeutet, wo ich mich wohlfühle, wo ich meine Sprache sprechen kann. Mir ist auch wichtig, dass meine Söhne dort aufwachsen und dieses Leben erfahren. Dass sie mit dieser Stärke groß werden und wissen, dass es diesen Ort der Sicherheit für immer geben wird. Selbst wenn sie ihn verlassen. Wir haben ein Jahr in Deutschland gelebt, doch meine Buben wollten zurück.

Sie engagieren sich auch für junge Künstlerinnen und Künstler?
Für viele Jahre habe ich Bildungsprojekte umgesetzt. Mit Kunst habe ich Kindern unsere Geschichte nähergebracht. Auch um Integration ging es in vielen meiner Projekte. Und im Rahmen von Residencies lade ich regelmäßig andere Roma-Kunstschaffende zu mir ein: So kommt das große Europa in mein kleines Dorf, der Austausch und die Diskussionen machen mir Freude.

Sie waren die erste Roma-Künstlerin, die bei der Biennale in Venedig ausgestellt hat. Wie hat sich das angefühlt?
Als klar war, dass ich dort ausstellen würde, habe ich darüber gar nicht nachgedacht. Aber die Kuratorin Tímea Junghaus hat nachgeforscht und es bestätigt: In den vergangenen 120 Jahren hat noch nie ein Roma-Künstler oder eine Roma-Künstlerin in den Pavillons ausgestellt. Roma haben eben keinen eigenen Staat und daher auch keinen eigenen Pavillon. Wir leben als größte Minderheit Europas in unterschiedlichen Ländern und sollten im jeweiligen Pavillon ausstellen. Die Realität sieht aber anders aus: Bisher sind wir unter dem Radar geflogen und wurden an den Rand der Wahrnehmung gedrängt. Vielleicht gibt es jetzt die Möglichkeit für Veränderung.

Der Titel Ihrer Ausstellung im Kunsthaus Bregenz „Tełe Ćerhenia Jekh Jag“ trägt den Begriff des Feuers in sich, welche Bedeutung hat dieses Element für Sie?
Feuer ist wesentlich, etwa für den Schmied, aber auch als Symbol hat es große Kraft. Ohne Feuer können wir unsere Häuser nicht heizen, keine Wärme, keine Geborgenheit. Im Titel stecken neben dem Feuer auch die Sterne, die wie Funken eines Feuers am Himmel glühen.

Was würde es für Menschen bedeuten, ohne Sicherheit und Geborgenheit leben zu müssen?
Wir müssen uns und unsere Erinnerungen schützen. Ohne Erinnerungen, ohne unser Erbe und ohne ein Zuhause sind wir leer.


Informationen zur Ausstellung:
Małgorzata Mirga-Tas
Tełe Ćerhenia Jekh Jag, Kunsthaus Bregenz,
bis 28. September 2025
kunsthaus-bregenz.at

Miro Kuzmanovic. © Kunsthaus Bregenz, Małgorzata Mirga-Tas


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