One Health: Gesund sind wir nur gemeinsam!
Gesund sein – das wünschen wir uns alle. Doch geht das überhaupt noch in einer Welt, die aus den Fugen geraten zu sein scheint? Wo extreme Wettervorkommnisse, neue Krankheitserreger und schwindende Artenvielfalt das Tagesgeschehen dominieren? Die Antwort darauf ist: ja – aber nur, wenn aus „uns“ ein „alles“ wird; ein größeres Ganzes, das nicht zwischen Mensch, Tier und Natur unterscheidet, sondern ihre untrennbare Verbindung betrachtet, mit dem Ziel, das gemeinsame Gut Gesundheit zu fördern. „One Health“ lautet das Stichwort für diesen ganzheitlichen Ansatz, dessen Bedeutung wir im ersten Teil der Serie zum Thema näher erläutern. Von Judith Lorenzon
Ein neues Verständnis von Gesundheit
Die Grundidee von „One Health“ ist so einleuchtend wie simpel und eigentlich gar nicht neu: Schon der griechische Arzt Hippokrates vertrat die Ansicht, dass die öffentliche Gesundheit von einer intakten Umwelt abhängt. Über 2.000 Jahre später ist seine Auffassung Fakt: Menschen, Tiere und Umwelt sind erwiesenermaßen untrennbar miteinander verbunden und nur wenn alle Bereiche gesund sind, ist das gesamte System auch stabil und widerstandsfähig. Um das zu erreichen, braucht es aber eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Akteurinnen und Akteuren aus der Human- und Veterinärmedizin, den Umweltwissenschaften, der Agrarwirtschaft, Soziologie und Politik. Denn die Gesundheit eines Individuums ist nicht nur eine Frage persönlicher Lebensführung oder medizinischer Versorgung, sondern hängt ebenso von weiteren Faktoren wie intakten Ökosystemen, verantwortungsvoller Tierhaltung, nachhaltiger Lebensmittelproduktion und gerechter Verteilung von Ressourcen ab. Durch den kontinuierlichen Wissensaustausch zwischen den verschiedenen Disziplinen entstehen wertvolle Handlungsansätze auch und vor allem im Kampf gegen Infektionskrankheiten, die lebensbedrohlich sind und zunehmend dort ihren Ursprung haben, wo das natürliche Gleichgewicht gestört ist.
Nicht neben-, sondern miteinander!
Mensch und Tier teilen sich ein gemeinsames Umfeld: die Erde. Als unterschiedliche, aber eng miteinander verflochtene Elemente der Natur stehen sie in vielfältiger Beziehung zueinander; ein dynamisches Verhältnis, gekennzeichnet durch eine starke Wechselwirkung. So gestaltet der Mensch seine Umwelt und greift durch Landwirtschaft, Urbanisierung, Rohstoffgewinnung oder Infrastruktur tief in natürliche Systeme ein. Tiere wiederum reagieren auf diese Veränderungen, sie ziehen sich zurück, passen sich an oder geraten zunehmend in Konflikt mit menschlichen Aktivitäten, was dem Verlust der Artenvielfalt gleichkommt. Ein weiteres Problem: Die entstehenden neuen Begegnungsräume zwischen Mensch und (Wild-)Tier fördern das Risiko für die Übertragung potenziell gefährlicher Infektionskrankheiten (Zoonosen). Die WHO warnt bereits seit den 1990er Jahren vor den katastrophalen Auswirkungen der stets wachsenden Anzahl von Zoonosen. „Bei über 70 Prozent der neuen Infektionskrankheiten des Menschen liegt der Ursprung bei Tieren“, erklärt Amélie Desvars-Larrive von der Veterinärmedizinischen Universität Wien und dem „Complexity Science Hub“, die sich im Rahmen interdisziplinärer Forschungsprojekte mit den komplexen Zusammenhängen zwischen Tiergesundheit, Umwelt und Gesellschaft befasst. Eine alarmierende Zahl, die einmal mehr den schlechten Allgemeinzustand des Planeten widerspiegelt. Neben Zoonosen haben aber auch das Tierwohl in der industriellen Tierhaltung, der Umgang mit Antibiotika oder die Belastung von Ökosystemen durch Pestizide und Abfallstoffe direkte Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit.
Natürlich ist nicht jede Interaktion negativ: So stärken der Schutz und Erhalt von Wäldern, naturnahe Landwirtschaft, artgerechte Tierhaltung oder grüne Stadträume die Widerstandskraft von Ökosystemen und schaffen zugleich eine gesunde Lebensgrundlage für den Menschen – körperlich wie seelisch.
Was der Natur und uns guttut
Zahlreiche medizinische Studien als auch eigene Erfahrungen aus dem Alltag zeigen, psychisches Wohlbefinden ist untrennbar mit körperlicher Gesundheit verbunden. Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass auch die sich zuspitzende ökologische Krise immer mehr Menschen seelisch belastet. Gefühle von Ohnmacht, Zukunftsangst oder tiefer Traurigkeit angesichts des fortschreitenden ökologischen Wandels sind längst keine Ausnahme mehr. In der Psychologie spricht man in diesem Zusammenhang bereits von „Climate Anxiety“ – der Angst vor zukünftigen Klimafolgen, „Ecological Grief“ – der Trauer über den Verlust von Natur und Artenvielfalt, sowie „Solastalgie“ – dem seelischen Schmerz, der entsteht, wenn der vertraute Lebensraum sich sichtbar verschlechtert. Dazu Amélie Desvars-Larrive: „Die Auswirkungen von Umweltzerstörung auf die menschliche Psyche beweisen einmal mehr, wie wichtig es ist, Mensch, Tier und Natur als ein zusammenhängendes, ineinandergreifendes System zu verstehen – und damit die Notwendigkeit, alle Dimensionen planetarer Gesundheit mitzudenken.“
Drei Ansätze, ein Ziel
„One Health“ steht mit seiner interdisziplinären Betrachtungsweise aber längst nicht allein. Auch Konzepte wie „Planetary Health“ und „Eco Health“ fordern ein neues Verständnis von Gesundheit – eines, das den Menschen nicht länger im Zentrum denkt, sondern als Teil eines Ganzen.
„Auch wenn alle Ansätze die wechselseitige Verbundenheit von menschlicher, tierischer und ökologischer Gesundheit betonen, unterscheiden sie sich in ihrer Schwerpunktsetzung und Perspektive“, wie Amélie Desvars-Larrive erklärt. „Während bei „One Health“ der Fokus auf konkreten gesundheitlichen Ergebnissen an der Schnittstelle zwischen Mensch, Tier und Umwelt liegt – etwa bei Zoonosen, Lebensmittelsicherheit oder Antibiotikaresistenzen –, beleuchtet „Planetary Health“ hingegen gezielt die Auswirkungen großräumiger, vom Menschen verursachter Umweltveränderungen auf die Gesundheit. „Eco Health“ auf der anderen Seite konzentriert sich auf Ökosystemansätze innerhalb spezifischer sozial-ökologischer Kontexte – mit dem Ziel nachhaltiger Gesundheit und Wohlergehens für Mensch und Tier durch gesunde Ökosysteme.“
Zusammenfassend lässt sich also sagen: Wer die wechselseitigen Beziehungen zwischen Mensch, Tier und Umwelt im Rahmen eines ganzheitlichen Ansatzes wie „One Health“ ernst nimmt, erkennt: Gesundheit ist kein individuelles Privileg, sondern ein kollektiver Zustand, getragen von Verantwortung und gegenseitiger Achtsamkeit. Und diese beginnt nicht selten dort, wo wir es am wenigsten vermuten: auf unseren Tellern, wie der nächste Beitrag dieser Serie „Ernährung und Konsum“ in der kommenden Ausgabe zeigen wird.
Complexity Science Hub Vienna (CSH)
Dieses unabhängige Forschungsinstitut in Wien untersucht komplexe gesellschaftliche, wirtschaftliche und technologische Problemstellungen mithilfe von Datenanalyse und Modellierung. Dadurch können Muster und Zusammenhänge, etwa bei Pandemien, Desinformation oder Lieferketten, erkannt und besser verstanden werden.






