Es liegt oft Schnee in meinen Träumen
Essay von Susanne Leuenberger
Es schneite, als ich an einem Freitag im frühen März zur Welt kam. Die Erinnerung an den Schnee war lange die einzige, die meine Mutter mit mir über meine Geburt teilte. Der Schnee fiel in dichten Flocken, tauchte die Welt vor den Fenstern des Spitals in Davos Ende der 1970er Jahre in ein körniges Licht. Er legte sich Schicht für Schicht über die Schmerzen, die Angst und das Blut einer Geburt, die für uns beide hätte tödlich enden können. Ich habe meine Mutter nie gefragt, was sie dabei empfand, als der Schnee fiel und sie und die Ärztinnen und Ärzte um unsere Leben rangen. Der Schnee liegt bis heute zwischen uns. Meine Mutter, geborene Engländerin, kam im Frühling zur Welt. Sie mochte die langen Davoser Winter nicht.
Für mich ist Schnee der Anfang. Der erste Schnee fiel immer plötzlich. In einer sehr frühen Erinnerung fiel er auf meine Mütze, den roten Mantel, auf meine Stirn, in nassen, dichten Flocken, als ich mit einer Kindheitsfreundin unterwegs zum Kindergarten stehen blieb. Wir machten uns ein Spiel daraus, den Kopf in den Nacken zu legen und die weißen Fetzen mit unseren Mündern aufzufangen und auf der Zunge zergehen zu lassen. Wir vergaßen Weg und Kindergarten.
Gern ließ ich mich auch mitten in einem Schneefeld rückwärts fallen, und wenn ich mit den Armen und Beinen ruderte, sah ich, wieder oben, den Engel, der seine Spur hinterlassen hatte. Bei viel Schnee kletterte ich auf den Holzturm des Spielplatzes. Ich füllte meine Lungen mit blauem Himmel und sprang, während Dohlen über mir kreisten. Sie waren vom Wind getragen, ich fiel ins Weiß.

Der Ton des Schnees: Knirschen. Und Stille. Ich las den Roman „Wolfsblut“ und träumte davon, in Alaska in einer Hütte mitten im Schnee mit einem Wolfshund zu leben.
Manchmal erwachte ich mit dem Geräusch der Schneeschleuder. Wenn über Nacht meterweise Schnee gefallen war, fräste der Hauswart der Wohnblocksiedlung, in der ich aufwuchs, Schneisen in die Schneemassen. In besonders strengen Wintern bewegte ich mich, unterwegs zur Schule, durch die weißen Korridore wie durch einen Traum, aus dem ich noch nicht erwacht war.
Schnee legte sich auf Bäume, Autos, er vergrub Abfalleimer, Treppenstufen und Straßenschilder. Er nahm den Dingen die Kanten, er verschluckte Gedanken, Stimmen, Pläne, er legte die Räder der Autos in Ketten, an den Fenstern wuchsen Eiskristalle. Der Ton des Schnees: Knirschen. Und Stille. Ich las den Roman „Wolfsblut“ und träumte davon, in Alaska in einer Hütte mitten im Schnee mit einem Wolfshund zu leben.
Unser erster Familienhund liebte es, Schneebällen nachzujagen. Mit ihm streifte ich nach der Schule bis zum Eindunkeln durch die verschneiten Wälder. Seine Pfoten und meine Fußspuren kreuzten sich. Er war mein Freund, als meine Mutter immer öfter nicht mehr aufstand und ihre lange Winterreise begann.
Das meiste, was ich über Schnee weiß, habe ich meinem Vater zu verdanken. Er erklärte mir, was Gleitschnee ist, wie Schneebretter entstehen, wie eine Staublawine beim Niedergang an Tempo gewinnt und mit bis zu 350 Kilometern die Stunde ganze Waldhänge bei ihrem Talgang mitreißen kann. Mein Vater war technischer Mitarbeiter am Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos. Seine Aufgabe: Lawinenschutz. Im Winter begleitete er Ingenieure zu ihren Einsätzen. Schmolz der Schnee, war er mit Waldarbeitern in Sachen Aufforstungen und Lawinenverbauungen unterwegs. In den Sommern ohne Mutter begleitete ich ihn manchmal in abgelegene Gebiete im Uri, im Wallis oder dem Tessin. Mit Wasserwaage, Messband und Notizblock zur Hand maßen wir, umgeben von Felsen und Wald, wie gut die Schutzbauten, die Gitternetze und Holzböcke der weißen Wucht der vergangenen Winter standgehalten hatten. Nicht immer gelang es ihm, die Wucht der Depression meiner Mutter abzuhalten.
Schnee hielt mich umfangen, er fing mich auf, er formte die Wege, die ich nahm, und die Bewegungen, die ich erlernte. Meine Schuhe knirschten bei jedem Schritt, ich zog Schlitten und glitt mit Skiern über weichen, harten oder eisigen Schnee. Ich lernte den Stemmbogen, Anbügeln und Abbügeln am Skilift, ich lernte in die Hocke zu gehen, mit parallelen Beinen zu kurven. Ich empfand Angst und Lust im Fahrtwind. Ich fiel hin und tat mir weh. Ich stand wieder auf, trug die schweren Skier auf der Schulter nach Hause. Als Teenager entdeckte ich das Langlaufen, zog die Spuren weiter, wenn die präparierte Loipe endete.

Ich fotografiere die Geister, die hier noch leben, und trete über Schnee von gestern, den es durch zerborstene Scheiben auf abgewetzte Teppiche und kaputtes Parkett weht.
Mit dem ersten Schnee kamen die Fremden. Ich verliebte mich jeden Winter in die Timothys, Joeffs, Steves, die für eine Saison nach Davos kamen, die tagsüber auf der Piste waren und mit denen wir nachts in den Clubs tanzten. Waren die Winternächte klar, zählte ich die Sternschnuppen und schrieb auf dem Heimweg mit kalten Fingern in den Schnee. Love Poems in Weiß. Mit dem Tauen des Schnees verließen die Strangers Davos, um irgendwo auf der Welt zu surfen und andere Mädchen zu treffen. Ich blieb zurück mit dem Geruch des Frühjahrsstaubs, den ihre Vans aufwirbelten.
Aus physikalischer Sicht verhält sich Schnee sehr ähnlich wie Metall bei 1.500 Grad. Zwischen Erstarrung und Verflüssigung entscheiden einige wenige Grade. Es war Winter, als ich mit 17 Jahren aufhörte zu essen. Ich sehnte mich nach etwas, das ich nicht kannte, und füllte meinen Magen mit dem Hunger danach. Bald verschwand ich in meinen Levis 501, verlor die Ringe an meinen Fingern, die Haare fielen mir aus. Selbst meine Stiefel wurden mir zu groß.
Ich trat in mein eigenes Stadium der Überwinterung. Meine Mutter spürte, wie kalt mir war. Einmal nahm sie mich mit ins Solarium, und öfters zeigte sie mir Ferienprospekte von warmen Inseln. Auf meiner Haut wuchs ein dünner Flaum. Dem Pelz der Murmeltiere nicht unähnlich. Diese Hungerkünstler, die tief unter der Schneedecke in ihrem komatösen Traum versinken. Mehr als sechs Monate verbleiben sie, dicht an dicht und ohne Nahrung, im Winterschlaf. Ihre Körpertemperatur fällt bis unter zwei Grad, der Herzschlag verlangsamt sich von hundert auf nur noch zwei bis drei Schläge pro Minute, und bis zu einer Stunde vergeht zwischen einem Atemzug und dem nächsten.
Viel weiß ich nicht mehr aus dieser Zeit, außer, dass ich mit den Zähnen klapperte. Womöglich begegnete ich in einem meiner Träume den Murmeltieren, bevor diese mit zitternden Muskeln aus ihrem Nirwana erwachten, als die ersten Alpenglöckchen sprossen. Mein Erwachen dauerte länger. Erst nach und nach schüttelte ich die Erstarrung ab.
Mit dem Frühling und diesem Kitzeln in der Nase, wenn der Schnee taut, habe ich nach Ende der Schulzeit den Schnee hinter mir gelassen. Mich zog es fürs Studium in die großen Städte im Unterland. Erst seit wenigen Jahren kehre ich öfter nach Davos zurück. Mich treibt eine vage Suche nach dem, was im Schnee geblieben ist. Mit der Kamera durchstreife ich verlassene Hotels und alte Sanatorien. Ich fotografiere die Geister, die hier noch leben, und trete über Schnee von gestern, den es durch zerborstene Scheiben auf abgewetzte Teppiche und kaputtes Parkett weht. Mein Lost Place. Der Schnee vermischt meine Erinnerungen mit neuen Schritten, die ich über die Wege und Spuren lege, denen ich folge.
Wenn er denn fällt. Die Winter sind kürzer geworden. Der Schneefall setzt einen Monat später ein. Die Klimastation in Davos misst ganzjährlich zwei Grad höhere Lufttemperaturen, die Nullgradgrenze hat sich um 500 Meter nach oben verschoben, die Schmelze beginnt einen halben Monat früher. Die Murgänge häufen sich, Regen tritt an die Stelle des Schnees. Der Sommer 2025 hat die Gletscher schneller schmelzen lassen als je zuvor.
Bei einem meiner Davosbesuche im späten Herbst fahre ich in einer gespenstisch verlassenen Gondel, kurz vor Ende der Wandersaison, aufs Rinerhorn und wandere in Richtung Monstein. Die Anlage ist bis auf mich verwaist. Unterwegs begegne ich niemandem. Wie außerirdische Moskitos bohren sich Beschneiungsanlagen in die braunen, schneelosen Hänge des Skigebiets. Steinschlag und Erosion haben den markierten Weg stellenweise unpassierbar gemacht. Der Schnee hält die Berge zusammen. Bleibt er aus, zerbröseln sie zu Geröll.
Es liegt oft Schnee in meinen Träumen. Noch immer spüre ich dieses tiefe weiße Gefühl in mir, wenn er fällt.
Susanne Leuenberger ist promovierte Religionswissenschaftlerin. Sie ist als Kulturjournalistin tätig und lebt in Bern.






