Die Rentier-Samiund ihr Gespür für Schnee

Bild: Nordische Sami (Samen) in Sápmi (Lappland) vor zwei Lavvo-Zelten.
Foto zwischen 1900 und 1920, Quelle: Granbergs Nya Aktiebolag

Für die Sami, eines der letzten Naturvölker Europas im Norden Skandinaviens, sind ausgeprägte Kenntnisse zur Beschaffenheit von Schnee überlebenswichtig. Denn die meisten der im Landesinneren ansässigen traditionellen Rentier-Sami müssen ihre Herden möglichst ohne Verluste über die langen schneereichen Wintermonate bringen. Das spezifische Wissen der Rentierhirtinnen und -hirten ist an die samische Sprache gekoppelt. Sie enthält eine Vielzahl an komplexen Begriffen zur Kategorisierung von „Schnee“ und „Eis“, die eine präzise Wahrnehmung der Umwelt widerspiegeln.
Von Anna Greissing

Die traditionelle Rentierzucht
Lange lebten die Sami als Jäger, Fischer und Beerensammler. In den letzten 300 Jahren entwickelten sie aber jene Wirtschaftsform, mit der sie heute identifiziert werden. Trotz jahrhundertelanger Unterdrückung ihrer Kultur haben es die Sami geschafft, sich Landnutzungsrechte zu sichern und ihre Sprache als Nationalsprache anerkennen zu lassen. Besonders in den letzten Jahrzehnten hat es eine zunehmende Bewegung zur Wiederbelebung der samischen Kultur gegeben.

Das Leben der Sami folgt dem Rhythmus ihrer Rentiere – sie bestimmen Zeitpunkt und Richtung des Aufbruchs. Foto Christoph Nolte

Heute leben zwischen 90.000 und 140.000 Sami (die Schätzungen gehen auseinander) in den nördlichen Teilen von Norwegen, Schweden, Finnland und Russland, der größte Teil davon in Norwegen. Das letzte „Urvolk“ Europas macht nicht einmal mehr ein Prozent der Gesamtbevölkerung Skandinaviens aus. Dass die jahrhundertealte Tradition der Rentierzucht dort aber immer noch existiert, ist ausschließlich dieser Minderheit zu verdanken. Das ist auch rechtlich so geregelt: In Norwegen dürfen nur Sami Rentiere besitzen. In Schweden ist das Recht auf Rentierzucht mit der Zugehörigkeit zu einem Sami-Dorf verbunden und im Gesetz festgeschrieben. In Sápmi, dem heutigen Siedlungsgebiet der Sami, leben aktuell mehr Rentiere als Menschen.

Die Art des Umgangs mit dem Ren ist charakteristisch für die Beziehung der Sami zu ihrer Umwelt: Die meiste Zeit des Jahres verbringen die nur halbdomestizierten Tiere in der Wildnis. Oft teilen sich mehrere Sami-Familien ein ihnen zugeteiltes Gebiet, in dem die Rentierherden gemischt leben. Nur ein paar Mal im Jahr werden sie zusammengetrieben – zur Markierung der neugeborenen Tiere oder derer, die geschlachtet werden.

Modernes Nomadenleben im Rhythmus der Jahreszeiten
Im Winter halten sich die Herden in den südlich gelegenen Kiefernwäldern auf. Dort ernähren sie sich vor allem von Flechten, die sie sogar durch die dicke Schneedecke hindurch riechen und dank ihrer spreizbaren Zehen hervorkratzen können. Die Flechten wachsen wie auch im alpinen Raum nur sehr langsam (circa ein Millimeter pro Jahr), deshalb müssen die Weideflächen entsprechend groß sein. Im Frühling wandern die Tiere zu den Sommerweiden und Sümpfen in den nördlicheren Küstengebieten, oft über eine Strecke von bis zu 500 Kilometern. Gereist wird vorzugsweise in den „blauen Nächten“, wenn der Schnee hart ist. Auf den Wanderungen kann es auch Zwischenstationen geben, etwa wenn die Renkühe kalben. Im Sommer, wenn es wärmer wird und der Schnee schmilzt, wandern die Herden auch auf die luftigen Berghöhen, auf die sogenannten Fjälls, baumlosen Heiden, wo es nahrhafte Kräuter gibt.

Das Leben der Sami folgt dem Rhythmus ihrer Rentiere – sie bestimmen Zeitpunkt und Richtung des Aufbruchs. Foto Christoph Nolte

So bestimmen die klimatischen Bedingungen, aber auch die Tiere selbst das Leben der Sami zwischen Sesshaftigkeit und Nomadentum. Denn den Zeitpunkt des Aufbruchs und die Richtung entscheidet die Herde. Ein guter Rentierhüter spürt, wenn die Tiere unruhig werden und sich auf den langen Weg vorbereiten.

Auch wenn viele Sami heute feste Sommer- und Winterbehausungen haben und ihren Herden nicht mehr unbedingt mit dem Schlitten, sondern per GPS-Tracker, Schneemobil oder sogar Hubschrauber folgen, spielt die Weiterführung von Traditionen eine große Rolle. So wohnen die Rentierzüchterinnen und -züchter bei ihren Wanderungen oft noch in großen gemeinschaftlich genutzten Zelten, den Lavvos, und tragen ihre bunte Tracht. In Kautokeino, einer Region im Norden Norwegens, in der heute fast die Hälfte der Rentierzucht des ganzen Landes betrieben wird, ist Rentierhaltung ein Studienfach an der Universität. Die Kinder der Rentier-Sami gehen unter dem Jahr in die Schule, bekommen aber für die Rentierwanderungen frei, um ihre Eltern zu begleiten.

Das Verständnis von Schnee: Lebensgrundlage für Mensch und Tier
In den zentralen Regionen der heutigen Rentierzucht ist der Boden durchschnittlich sieben Monate lang mit Schnee bedeckt. Das Wissen zu den Schnee-, Niederschlags- und Eisbedingungen in den Gebieten, in denen die Rentiere weiden, ist daher entscheidend für das Überleben der Herden und den wirtschaftlichen Erfolg der Familien. Die samische Kultur zeugt von einer langen, engen Beziehung zur arktischen Umwelt und diese spiegelt sich in ihren Sprachen wider. Das Nordsamische, die verbreitetste der insgesamt neun noch gesprochenen Sami-Sprachen, enthält präzise Begriffe für die unterschiedlichen klimatischen Bedingungen, die Elemente wie Schneeart, Temperatur, Wind, Schneedichte, Schneetiefe, Schneeschichten und physikalische Schneeprozesse auf dem Boden und an Bäumen miteinbeziehen. Dieses komplexe Wissen fließt in die Entscheidungen der Hirtinnen und Hirten in ihrer Arbeit mit der Herde ein. Das Erkennen der Schneeart ist eine Voraussetzung für Mobilität, Spurführung, Sichtbarkeit und Verfügbarkeit von Weidepflanzen wie Flechten und Gräser. Die Bedingungen bestimmen unter anderem, wo die Herde Futter finden kann (ist der Boden zum Beispiel mit Eis bedeckt, können die Tiere nicht zu den Flechten vordringen), oder wo sie gefahrlos weiterwandern kann (dafür ist eine bestimmte Härte der Schneedecke oder Dicke des Eises notwendig).

18 Konzepte für Schnee und Eis
Ein Team von Forschenden unterschiedlicher norwegischer Universitäten hat 2013 eine Studie veröffentlicht, in der sie die Terminologie der Sami in Kautokeino mit der wissenschaftlich etablierten physikalischen Klassifizierung von Schnee vergleichen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sammelten dafür in mehreren Interviews mit den Rentierzüchterinnen und -züchtern deren Bezeichnungen für die verschiedenen Formen von Schnee. Diese enthalten neben praktischen Informationen (vor allem für die Rentierhalter untereinander) auch präzise physikalische Beschreibungen der Schneedecke bzw. ihrer Beschaffenheit. In ihrer Studie beschrieben die Forschenden die 18 am häufigsten verwendeten Begriffe. Man kann also die Fülle der sprachlichen Unterscheidungen zu Schnee im Nordsamischen erahnen – sie basieren auf jahrhundertealtem traditionellem Wissen.

Rohstoffvorkommen und Klimawandel als Gefahr
Heute bedrohen Landkonflikte und der Klimawandel die traditionelle Rentierzucht. Die Nutzungsrechte der Sami stehen immer wieder im Interessenkonflikt mit Forstwirtschaft, dem Staat oder internationalen Firmen, die dort Bodenschätze abbauen wollen. Denn auch wenn die Rentierhalterinnen und -halter offiziell das Recht zur Nutzung großer Flächen besitzen, gehört das Land dem Staat. Zusätzlich sind der fortschreitende Klimawandel und das Ausbleiben von Schnee sowie die Verschiebung der Jahreszeiten vor allem auf den Winterweiden ein großes Problem. Wenn es zu früh warm wird und der Schnee zu stark schmilzt, versinken viele Weidegebiete buchstäblich im Wasser. Wenn es dann noch einmal friert und der Boden mit Eis überzogen ist, finden die Rentiere nicht mehr ausreichend Futter.
Auch müssen die Mechanisierung und Technisierung der modernen Rentierhaltung kritisch gesehen werden, da sie wenig nachhaltig sind und zu hohen Kosten, aber auch zu Abhängigkeiten der Züchterinnen und Züchter von der Industriegesellschaft führen.
Es gibt aber auch erfreuliche Entwicklungen: Die traditionelle Identität der Rentier-Sami ist groß, ebenso ihre politische Selbstorganisation in grenzüberschreitenden Gremien, dem Samenrat. So gewannen die Sami in Schweden 2020 einen historischen Sieg durch einen Entscheid des Höchsten Gerichts: Nach einem zehnjährigen Rechtsstreit zwischen dem schwedischen Staat und der samischen Urbevölkerung um die Verwaltung von Jagd- und Fischereirechten hat das Gericht vollumfänglich zugunsten der Urbevölkerung entschieden. 


Vahca ist Neuschnee. Vahca verursacht schlechte Wanderbedingungen, erleichtert aber das Erkennen der Rentierspur. Vahca kann harten Schnee aufweichen.

Čearga entsteht durch starke Winde, die den Schnee verwehen und „rollen“, bis er hart wird. Čearga ist so fest, dass weder Rentiere noch Hirten ihn durchgraben können, und kann eine Dicke von einem Meter erreichen.
Im Frühjahr kann der Wind den Schnee in Seaŋáš verwandeln – er ist dann locker, körnig, klebt nicht am Boden. Die Rentiere können sich mühelos durchgraben, um an Nahrung zu gelangen.

Seaŋkut ist ein Verb, das den Prozess beschreibt, in dem Seaŋáš den Schnee so verändert, dass er poröser wird und zum Beispiel Geardni verschwinden.

Geardni ist eine dünne Eisschicht auf der Oberfläche der Schneedecke. Sie entsteht, wenn Regen auf die Schneedecke fällt und Regen gefriert.

Gaskageardni bezeichnet eine oder mehrere harte Eisschichten innerhalb der Schneedecke. Er tritt auf, wenn es auf eine Geardni-Eisschicht schneit. Wenn diese Schichten hart bleiben, wird es für Rentiere schwierig, sich zu ihrem Futter durchzugraben.

Skáva ist die Bildung einer Eisschicht oder Schneekruste durch Sonnenschmelze, gefolgt von einer schnellen Abkühlung. Auf Skáva-Bedingungen folgen in der Regel innerhalb desselben Tages Cuoŋu-Bedingungen.

Cuoŋu-Schneebedingungen sind verschiedene Formen von schmelzendem Schnee, die entstehen, wenn es warm und sonnig ist und anschließend regnet. Der Schnee wird dann zu Sievlla (auf Seen zu Soavli). Wenn der Schnee dann gefriert, ist er fast wie Eis. Dann herrschen gute Reisebedingungen für die Rentiere, nicht aber für die Hirtinnen und Hirten.

Quelle: Traditional Sámi snow terminology and physical snow classification – Two ways of knowing, in: Elsevier: Cold Regions Science and Technology 85 (2013), S. 117–130.


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