Ist Frau Holle noch zu helfen?

Die „Skination“ Österreich setzt in Zeiten der Klimakrise auf Schnee aus Schneilanzen und Propellermaschinen. Doch die Physik zeigt dieser Praxis Grenzen auf. Was ist noch drin – und was nicht?

Von Laura Anninger

Im vergangenen Jahr habe ich mein erstes Buch geschrieben. Es ist ein Sachbuch über die Zukunft des Skifahrens in Zeiten des Klimawandels. Als ich begann, mich einzulesen, wunderte ich mich, dass ich da wohl an einem der ersten Bücher zu diesem Thema arbeitete. Die Herausforderungen und Dilemmata, vor denen Österreich steht, sind so offensichtlich. Ich konnte kaum glauben, dass wir nicht gesamtgesellschaftlich darüber diskutieren. Schließlich gibt es wohl kein Land, in dem Schnee so eine gewichtige Rolle für lokale, regionale, oft auch überregionale Wertschöpfungsketten spielt, und auch keines, in dessen Regierungsprogramm ein ähnlicher Satz steht wie jener, den ÖVP, SPÖ und Neos niederschrieben: „Wir bekennen uns zur österreichischen Positionierung als Skination Nummer eins.“

Diese Nation ist von den Folgen der Klimakrise geplagt, die auch den Schnee nicht verschont. Immer kürzer bleibt er liegen, immer öfter regnet es dort, wo es früher schneite. Naturschneegebiete sind eher Rarität als die Norm. Mehr als drei Viertel der heimischen Pistenflächen werden beschneit. In Tirol sind es 80 Prozent. Nun möchte man meinen: Dann sind wir ja gut vorbereitet, dann kommt eben die weiße Unterlage der „Skination“ aus Schneilanzen und Propellermaschinen und fällt nicht vom Himmel. Leider ist das zu kurz gedacht. Die Regeln der Physik setzen der Schneeproduktion enge Grenzen.

Ich habe im vergangenen Jahr mit Dutzenden Menschen gesprochen. Von jenen, die den Status quo verdrängen oder verharmlosen, konnte ich viel darüber lernen, wie schwer es für Menschen ist, Veränderungen langjährig erprobter Systeme auszuhalten. Von jenen, die forschen oder sich der Studienergebnisse und klimatischen Fakten bewusst sind, können wir alle lernen. Wir müssen nur das, was sie sagen, wirklich hören – und dann danach handeln. Um diese Menschen zu treffen, war ich viel unterwegs. Ich saß in Bussen, Gaststuben, in Hörsälen oder Büros und an einem sonnigen Mittwoch im Dezember in der Hohe Mut Bahn im Skigebiet Obergurgl in Tirol. Als ich bei der Mittelstation ausstieg, wartete Michael Rothleitner bereits auf mich. Er betreibt das „Schneezentrum Tirol“, an dem er gemeinsam mit der Liftgesellschaft Obergurgl beteiligt ist. Das bedeutet: Er prüft und testet im Auftrag von Skigebieten Schneilanzen und Propellermaschinen. Ich fragte ihn wie viele andere auch: Ist Frau Holle noch zu helfen? Einen Teil der Antwort finden Sie im folgenden Auszug meines Buchs „Schnee von morgen“:

Viele Faktoren beeinflussen die Schneeerzeugung: die Energiemenge, die Menge, Qualität und Temperatur des Wassers, welcher Druck in Teilen der Düsen herrscht, die Art und Größe der Düsen und wie das Wasser hineinströmt. An den meisten dieser Stellschrauben können die Verantwortlichen von Skigebieten drehen – wenn sie es sich leisten können. Sie können Schneilanzen und Propellermaschinen wählen, die zu den Gegebenheiten des Gebietes passen. Sie können Wasser kühlen, mehr davon verwenden, die Energiemenge regeln. Nur an den Tatsachen, die die Erderwärmung schafft, kann die Technik nichts ändern.

Schnee lässt sich selbst bei Temperaturen um plus drei Grad Celsius erzeugen – vorausgesetzt, die Luft ist trocken genug.
Foto ORIGINAL Magazin

Aber warum eigentlich nicht? Schnee kann man nur produzieren, wenn die Wassertröpfchen aus den Propellermaschinen oder Schneilanzen rasch auf ungefähr minus ein Grad Celsius abkühlen. Dafür braucht es eine passende Kombination aus niedrigen Temperaturen und einer gewissen relativen Luftfeuchtigkeit – kombiniert in der sogenannten Feuchttemperatur. Diese ist bei einer Luftfeuchtigkeit von 100 Prozent gleich der Lufttemperatur. Ist die Luftfeuchtigkeit geringer, liegt sie darunter. Der Grenztemperaturbereich, also der Bereich, bei dem man die Beschneiung beginnen kann, liegt – je nach Typ des Schneeerzeugers – zwischen minus ein und minus vier Grad Celsius Feuchttemperatur. Je trockener, desto mehr Wasser verdunstet bei der Beschneiung. Diese Verdunstungskälte hilft dabei, kleine Wasserpartikel gefrieren zu lassen. Je trockener, desto wärmer kann es also sein – und je feuchter, desto kühler muss es sein. „Wenn die Luft sehr trocken ist, kann man auch bei einer Lufttemperatur von plus drei Grad Celsius Schnee erzeugen“, erklärt Michael Rothleitner. Dafür braucht es aber auch sehr moderne Anlagen.

Generell gilt: Schneeerzeugung ist effizienter, wenn es kühler ist. Dennoch wäre es möglich, die Grenze zu verschieben. „Snomax“ etwa, ein Pulver aus Proteinen von Pseudomonas-syringae-Bakterien, führt dazu, dass der Vorgang auch bei höheren Temperaturen funktioniert, wenn es dem Schneiwasser beigesetzt wird. Mit älteren Maschinen, die etwa erst bei minus sechs Grad Feuchttemperatur funktionieren, konnte man mit „Snomax“ eventuell bei minus drei Grad beschneien, meint Michael Rothleitner. Nur: Das ist bislang nicht gewollt. Ein Versuch im Gebiet Seefeld wurde abgebrochen. Im Herbst 2018 verbot der Tiroler Landtag die Verwendung schließlich. Und das Pulver sei, so Michael Rothleitner, nicht notwendig: „Bei modernen Beschneiungsanlagen, die bei minus zweieinhalb Grad und mehr Feuchttemperatur schneien können, ergibt „Snomax“ überhaupt keinen Sinn.“ Kann man dann nicht einfach die Technik verbessern und so auch bei höheren Temperaturen beschneien?
„Soweit ich die technische Entwicklung einschätzen kann, ist ein halber Grad Celsius mehr an Feuchttemperatur noch drin“, sagt Michael Rothleitner. „Aber das macht de facto das Kraut nicht mehr fett. Irgendwo sind wir bei den Grenzen des Machbaren angelangt.“

Leider wird es nun immer wärmer, oder, anders ausgedrückt, immer seltener kalt genug. 2023 verzeichnete man beispielsweise 72 Frosttage in Tirol, fast einen Monat weniger als noch in den 1980er Jahren. In niedrigen Lagen können hohe Temperaturen, Starkregenereignisse oder Föhnwinde auch den mit hohem Aufwand produzierten Schnee vernichten. Wie vielen anderen passierte das etwa dem Skigebiet Karkogel im Februar 2024, das trotz Beschneiung die Wintersaison vorzeitig beenden musste.

Was die Erwärmung für den Skibetrieb bedeutet, zeigte die Wintersaison 2023/24, die man, von Ost bis West, nur mit hohem technischem Aufwand aufrechterhalten konnte. Der Dezember 2023 brachte zwar 111 Prozent mehr Niederschlag als ein durchschnittlicher Dezember in Österreich, aber war auch sehr warm. Mancherorts zu warm, um zu beschneien. Vor allem in den letzten beiden Wochen rund um Weihnachten schmolz vermehrt in den niedrigeren Lagen der Schnee. Mit jedem Gramm an fossilen Treibhausgasen, die in die Atmosphäre gelangen, wird das Fenster, in dem man beschneien kann, enger. Experten aus dem Expertenforum „Klima.Schnee.Sport“ fassen wie folgt zusammen: „Sowohl die Anzahl als auch die Dauer der potenziellen Beschneizeiten werden sich verringern. Zusätzlich wird sich der Wasser- und Energiebedarf für die Schneeerzeugung vergrößern, was schon heute teilweise zu lokalen Nutzungskonflikten führt.“

Die Daten zeigen: Der Zeitraum, in dem Skigebiete beschneien können, wird enger. Wie eng? Das haben Forschende der „GeoSphere Austria“ 2020 im Rahmen des Forschungsprojektes „Future Snow Cover Evolution in Austria“ (FuSe) errechnet. Sie analysierten unter anderem, wie viele Stunden es im wichtigsten Beschneizeitraum von 1. November bis 24. Dezember kalt genug war, um beschneien zu können. Und sie verglichen den Zeitraum 1961 bis 1990 mit jenem von 1991 bis 2020. Ihre Analyse zeigte, dass durch die langfristige Erwärmung der Zeitraum, in dem man beschneien konnte, immer kürzer wurde. Der Vergleich der beiden Zeiträume zeigte im Durchschnitt über Österreich einen Rückgang um 26 Prozent. Das sind 85 Stunden weniger, in denen Beschneiung möglich war. 

Laura Anninger
Schnee von morgen
Über das Skifahren in Zeiten des Klimawandels
192 S., Anton Pustet
ISBN-13-978-3-7025-1160-9, 2025


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