Eine grüne Wand als Klimaanlage
Bild: Sommer 2024
Die Arbeiterkammer Vorarlberg hat mit der größten Grünfassade Vorarlbergs ein ambitioniertes Projekt mit Vorbildwirkung umgesetzt. Text Monika Bischof, Fotos Cornelia Hefel
Ein Leuchtturmprojekt – so bezeichnet Andreas Lampert, Direktor der Arbeiterkammer Vorarlberg, die Neugestaltung des AK Quartiers in Feldkirch, das im vergangenen Jahr eröffnet wurde: „Wir sind die Ersten, die so etwas umgesetzt haben.“ Es ist ein ambitioniertes und zukunftsweisendes Projekt: Die größte Grünfassade Vorarlbergs – und eine der fünf größten in ganz Österreich – wurde am Gebäude der Arbeiterkammer Feldkirch realisiert. „Mir war es besonders wichtig, ein einheitliches Bild des Gebäudeensembles im Quartier zu vermitteln.“ Die Vision, die dahintersteht, ist eine identitätsstiftende, transparente, zur Stadt Feldkirch hin geöffnete, naturverbundene Platzgestaltung, die zur Belebung und Aufwertung der Gegend beitragen und ein attraktives Arbeitsumfeld für alle Mitarbeitenden schaffen soll. „Das AK Quartier soll mehr als ein Platz sein: ein Treffpunkt für alle Menschen mit niederschwelligem Zugang und ohne Konsumzwang“, sagt Andreas Lampert. „Anders als normal ist genial“, so sein Standpunkt. „Wir wollten nach außen ein Zeichen setzen, wofür die Arbeiterkammer Vorarlberg steht, nämlich für Innovation in Sachen Dienstleistung in allen Beratungsfeldern für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.“
Die Grünfassade als zukunftsweisender Prozess
Die Initialzündung für dieses Projekt kam von dem früheren Direktor der Arbeiterkammer Vorarlberg, Rainer Keckeis. Geplant wurde das neue AK Quartier von Architekt Rainer Huchler und dem Pflanzenspezialisten Conrad Amber. „Conrad Amber ist mit viel Enthusiasmus ein Botschafter des Grünen“, betont Andreas Lampert. Die Zusammenarbeit zwischen Rainer Huchler und Conrad Amber gestaltete sich als äußerst befruchtend. „Uns verbindet Berufsoptimismus, Detailverliebtheit und Begeisterungsfähigkeit. Für uns beide war die Planung der Grünfassade Neuland, wobei sich Rainer durch eine ungewöhnliche Flexibilität auszeichnet, ich konnte alle meine bisherigen Erfahrungen für den Bau adaptieren. Wir mussten auch nichts neu erfinden, sondern konnten auf ein breites Praxisnetzwerk zurückgreifen“, berichtet Conrad Amber.
Von der Anfrage bis zur Umsetzung des Projekts dauerte es zwei Jahre. Stets mussten neue Aspekte berücksichtigt werden: „Für uns galt es, einen Zeitraum von mindestens fünfzig Jahren zu bedenken. Also einen Zeitraum, den wir womöglich nicht mehr erleben. Eine Klimaanlage wird eingebaut und funktioniert. Aber die Errichtung einer Grünfassade braucht Zeit und Geduld – dies aber auch vom Auftraggeber.“ Ein weiterer Zukunftsaspekt, der berücksichtigt werden musste, sind die Auswirkungen der Klimakrise. Die Pflanzenwelt verändert sich unweigerlich durch die globale Erwärmung. „Innerhalb der Fassade herrschen drei Klimazonen, im obersten Bereich haben wir bereits jetzt mediterrane Temperaturen. Ich habe im vergangenen Sommer 45 Grad an der Außenwand gemessen. Auf der Grünfassade hingegen kamen wir auf 23 Grad, was verdeutlicht, wie gut diese funktioniert. Allerdings braucht es für die Begrünung auch die entsprechenden Pflanzen, die eben hitze- und trockenresistent sind. Manche Pflanzen werden sich auf 10 bis 15 Meter ausbreiten, andere werden verschwinden. Es bleibt ein spannender Prozess.“



Ökologische und ökonomische Vorteile
Die Grünfassade besteht aus insgesamt vier Pflanzebenen, die von einem Rautengitternetz als Rankhilfe überspannt sind. Die Pflanzen erfüllen wichtige Funktionen: Sie filtern die Luft, tragen zur Kühlung der dahinterliegenden Büroräume bei, fördern den Luftaustausch durch die Schaffung unterschiedlich warmer Luftschichten und absorbieren Schall. „In den Innenräumen können durch die Fassadenbegrünung drei bis fünf Grad Celsius weniger erreicht werden“, erklärt Conrad Amber. Auf dem Platz, an dem sich die Grünfassade befinde, herrsche nun ein vollkommen anderes Klima als an der danebenliegenden stark befahrenen Bärenkreuzung. Die Begrünung bindet CO2 und produziert Sauerstoff. Durch die Pflanzen können pro Tag 2.500 Liter Wasser verdunsten. Dadurch trägt die grüne Fassade zu einer besseren Luftqualität und einer besseren Kühlung bei.
Die Bepflanzung erfolgte mit einer Vielzahl von Kletter- und Rankpflanzen sowie Sträuchern, die nicht nur die Ästhetik, sondern auch die Umweltbilanz positiv beeinflussen. „Insgesamt wurden 250 Pflanzen an der 700 Quadratmeter großen Fassadenfläche eingesetzt. Im vergangenen Winter konnten die Wurzeln anwachsen“, sagt Conrad Amber. Die Auswahl der Pflanzen ist mit knapp fünfzig verschiedenen Arten äußerst vielfältig. Darunter befinden sich Kletterpflanzen wie Geißblatt, Clematis, Kletterhortensie, Blauregen und Jungfernrebe. „Damit haben wir auch ganz unterschiedliche Blühfarben“, so der Experte. Immergrüne Sträucher wie Wacholder, Stechlaub oder Latsche und auch Blühsträucher wie Kornelkirsche, Felsenbirne oder Holunder wachsen ebenfalls an der Fassade. Krautige Pflanzen wie Lavendel oder Immergrün machen den Untersatz aus.

„Die Natur soll sich dabei weitestgehend so etablieren, wie es ihr passt.“
Conrad Amber
Besonderes Augenmerk legte er auf eine durchdachte Blühfolge, die von Mitte März bis Ende September reicht. Dadurch soll das ganze Jahr über eine abwechslungsreiche Grünfassade geboten werden. „Die Natur soll sich dabei weitestgehend so etablieren, wie es ihr passt. Die Grünfassade braucht wenig Pflege. Nach einigen Jahren muss kaum mehr eingegriffen werden, sondern nur noch kontrolliert“, unterstreicht Conrad Amber auch den ökonomischen Gesichtspunkt.
Ein Paradies für Insekten und Vögel
Die Grünfassade hat nicht nur ästhetische und ökologische Vorteile, sondern trägt auch zur Stärkung der Artenvielfalt bei. Die unterschiedlichen Pflanzen ziehen eine breite Palette von Tieren an, darunter Insekten, Bienen und andere Nützlinge sowie auch Singvögel und sogar Fledermäuse. Die Pflanzen wachsen in einem speziellen Substrat, damit sie optimal gedeihen können. Die Bewässerung erfolgt, auch nach ökologischem Aspekt, ausschließlich durch Regenwasser, das gesammelt und in eine Zisterne geleitet wird. Von dort aus wird das Wasser zu den Pflanzkübeln transportiert. Die automatische Bewässerung wird über eine Wetter-App und Bodensonden gesteuert. Die Pflanzen sind von hinten über einen Steg erreichbar, um die Pflege zu ermöglichen. Der Abstand zwischen ihnen und der Wand beträgt bis zu 1,5 Meter.
Die Grünfassade ist ein Vorzeigeprojekt, das auch viele Interessierte und politische Entscheidungsträger anzieht. Andreas Lampert dazu: „Über die äußerst positiven Resonanzen, die unsere Grünfassade erfährt, freuen wir uns sehr. Es ist natürlich etwas anderes, ob man über Medien von dieser Möglichkeit erfährt oder ob man sich direkt vor Ort ein Bild von der Umsetzung machen kann.“ Und ganz besonders freut er sich auf den baldigen Frühling, denn dann wird die Grünfassade erstmals in voller Pracht erblühen.







