Horizonte erweitern

Ferienzeit ist Reisezeit – für viele Kinder und Jugendliche kommt dies aus finanziellen Gründen aber nicht infrage. Was kann die Gesellschaft dazu beitragen, um auch Benachteiligten eine Auszeit vom Alltag mit neuen Erfahrungen und Begegnungen zu ermöglichen? Wir stellen Organisationen vor, die dabei helfen, jungen Menschen neue Horizonte zu eröffnen.

Von Jutta Nachtwey

Urlaubspläne zu schmieden ist einfach wunderbar: Man malt sich schon im Voraus das Glück aus, mit allen Sinnen Neues zu entdecken. „Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen“, schrieb Matthias Claudius bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts in seinem Gedicht „Urians Reise um die Welt“. Das Zitat wurde zur beliebten Redewendung, die für die Erlebnisfülle und transformative Wirkung des Reisens steht. Das Erkunden des Unbekannten eröffnet dem eigenen Denken neue Räume und verleiht der Seele Flügel. Für benachteiligte Kinder und Jugendliche wäre dies besonders wichtig – aber mangels Geld müssen sie in den Ferien oft zu Hause bleiben. Umso wertvoller ist das Engagement der Organisationen, die diese jungen Menschen unterstützen.

In Österreich gibt es verschiedene Initiativen, die sich für sie einsetzen, beispielsweise den gemeinnützigen Verein „Ferienhort“, der am Wolfgangsee Feriencamps für Jugendliche anbietet. Er wurde bereits 1888 auf Anregung eines Wiener Lungenfacharztes gegründet, um bedürftigen Wiener Gymnasialschülerinnen und -schülern einen Landaufenthalt während der langen Sommerferien zu verschaffen.

Der Verein „Ferienhort“ bietet Feriencamps für Jugendliche am Ufer des Wolfgangsees. Auch finanziell Benachteiligte sind hier willkommen.Fotos Ferienhort

Heute können Familien dort ganz regulär für ihre Kinder buchen – etwa das vierwöchige Classic-Camp. Dank eines eigenen Sozialfonds sind auch finanziell Benachteiligte willkommen – Preisnachlässe von 25 bis 100 Prozent sind dadurch realisierbar. Ziel des Vereins ist es, dass alle Jugendlichen besondere Ferien erleben können. Die Kulisse ist hierfür bestens geeignet: Das schlossartige Hauptgebäude am See ist von Badestränden, einem eigenen Bootshafen, Sportanlagen und Gebäuden für verschiedenste Indoor-Aktivitäten umgeben. Ein Betreuungsteam, das in Pädagogik, Sport, Kunst und Kultur ausgebildet ist, sorgt für facettenreiche Angebote. Die Jugendlichen sollen ihre individuellen Fähigkeiten erproben, Gemeinschaft erleben, Sozialkompetenz erwerben und lernen, Verantwortung zu übernehmen.


In seinem Leitbild schreibt der Verein zum Thema Vielfalt: „Bei uns leben junge Menschen unterschiedlichen Geschlechts, Alters, sozialer Herkunft, Nationalität und Weltanschauung in Gruppen zusammen. Auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind verschiedenen Alters, verschiedener Berufe und Talente. Unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen erleben und erkennen, wie das Gemeinsame vor dem Trennenden stehen kann.“ Hierbei wird deutlich, dass die Jugendlichen aus benachteiligten Familien eben nicht nur Nutznießende sind, sondern ihrerseits zur wechselseitigen Horizonterweiterung beitragen.

Dass auch kleine Spenden von Einzelpersonen viel bewirken können, macht die Organisation „Kinderfreunde“ deutlich, die aus dem 1908 gegründeten „Arbeiterverein Kinderfreunde“ hervorging. Die Interessenvertretung von Kindern und Familien engagiert sich auf vielfältige Weise und bietet auch zahlreiche Feriencamps an. Um Kinder von Alleinerziehenden, aus Mehrkindfamilien und aus armutsgefährdeten Familien zu unterstützen, wirbt sie unter dem Motto „Schenke einen Ferientag“ für eine Spende über 60 Euro. Durch die Spenden wird der Aufenthalt für das jeweilige Kind günstiger – ob etwa im Feriendorf in Obertraun am Fuße des Krippenstein oder in Freistadt, wo die Kids bei Abenteuerwanderungen entlang des Bachs die Tier- und Pflanzenwelt erkunden und Hütten aus gesammeltem Holz bauen können. Viele dieser Angebote ermöglichen es, die Natur mit allen Sinnen zu erleben und die digitale Welt für eine Weile mal auszublenden – dies tut allen gleich gut, ganz egal aus welchen sozialen Schichten sie kommen.


In Deutschland macht sich „zis“, eine Stiftung für Studienreisen, mit einem besonderen Konzept für junge Erwachsene stark. Sie stattet Einzelpersonen zwischen 16 und 20 Jahren unabhängig von Nationalität oder schulischem Hintergrund mit einem Budget von 700 Euro aus, mit dem diese mindestens vier Wochen lang alleine ein selbstgewähltes Ziel und Thema erkunden können. Auch junge Menschen aus Österreich dürfen sich hier bewerben. Die Reisekosten einschließlich Fahrt, Unterkunft und Verpflegung sollen nur mit dem Stipendienbetrag bestritten werden. Auf der Reise dürfen die Teilnehmenden jedoch nach Bedarf Geld dazuverdienen oder etwa gegen Unterkunft und Verpflegung jobben.

Dank der „zis“-Stiftung erkundete Maher Darweesh die Nomadenkultur in Marokko. Senan Alagbé widmete sich dem Populismus in der Europäischen Union, und Richard Feuer erforschte per Fahrrad das Thema Waldbrände in Spanien.Fotos zis-Archiv


Das Reiseziel sollte auf dem Land- oder Seeweg erreichbar sein, damit sich die Jugendlichen der Distanz zwischen Heimat und Gastland bewusst werden. Außerdem möchte „zis“ erfahrbar machen, dass eine tolle Reise auch ohne großen CO2-Fußabdruck möglich ist. Unterwegs führen die Reisenden ein Tagebuch, anschließend dokumentieren sie die Ergebnisse zu ihrem Reisethema, etwa durch einen Projektbericht oder ein Werkstück.


Das Angebot ist auch eine Antwort auf soziale Ungerechtigkeit: „Nach wie vor sind in Deutschland der Bildungshintergrund der Eltern und die eigene Migrationsgeschichte oder die der Eltern einflussreiche Faktoren für den Bildungsweg“, schreibt „zis“ auf seiner Website. „Jugendliche aus einkommensschwachen Familien, aus nicht-akademischen Elternhäusern sowie Jugendliche mit Migrationsgeschichte werden im Bildungssystem oftmals mit strukturellen Hindernissen sowie Diskriminierungen konfrontiert. Dadurch bleibt ihnen der Zugang zu Bildungsangeboten oft verwehrt. ‚zis‘ möchte dem entgegenwirken.“


Ziel des Konzepts ist es, jungen Menschen zu ermöglichen, sich abseits schulischer Maßstäbe zu beweisen und eigenverantwortlich ein Projekt zu gestalten. Das Reisen soll sie selbstständiger machen und zum interkulturellen Austausch animieren. Zu den Recherchethemen zählten zum Beispiel Jugendmigration in Spanien, Nomadenkultur und Kameltreiber in Marokko, sozial-ökologische Gemeinschaften in Deutschland oder die Neugestaltung des Wohnens in Portugal. Wenn man sich die Berichte anschaut, erkennt man, wie gut das Konzept in der Praxis funktioniert und wie sich die Begegnungen mit den Menschen vor Ort auf die persönliche Entwicklung der Reisenden auswirken. Wenn jemand eine „zis“-Reise tut, so kann er wirklich sehr viel erzählen! 

Weitere Informationen:
ferienhort.at/spenden
kinderfreunde.at/news/oberoesterreich/lo/schenke-einen-ferientag
zis-reisen.de/spenden-foerdern


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