„Ich habe keine Angst vor dem Tod. Mit knapp 90 darf ich das sagen“

Margot Pilz, Foto H. Prochart

Von Wolfgang Paterno

Margot Pilz, 89, zählt zu den Pionierinnen der heimischen Konzept- und Medienkunst. In vielen ihrer Arbeiten fanden früh Computer und Bildschirme, ungewohnte Materialien und neue Techniken großzügig Verwendung – von den fotografischen „Sekundenskulpturen“ (1977) über das „Hausfrauendenkmal“, errichtet 1979 für die „ungewürdigte Leistung der unbekannten Hausfrau“, sowie das Projekt „Arbeiterinnenalter“ (1981) bis zur solarbetriebenen Installation „Delphi Digital“ (1991). Die bekannteste Arbeit von Margot Pilz ist „Kaorle am Karlsplatz“: 1982 ließ sie während der Wiener Festwochen 1982 im Schatten der Wiener Karlskirche mehrere Tonnen Sand aufschütten, eine Palme, Liegestühle und Sonnenschirme aufstellen und im Bassin einen acht Meter langen Kunststoffwal schwimmen. Im Rahmen der „Klima Biennale Wien“, die vom 9. April bis 10. Mai stattfindet, wird es ein geballtes Programm am Karlsplatz geben, unter anderem plant Pilz dort ein „Kaorle“-Revival.

Frau Pilz, ich möchte mit Ihnen in die Vergangenheit schweifen.
Margot Pilz: Lassen Sie uns anfangen!

Sie werden dieses Jahr 90 …
Ich kann es selbst kaum glauben. Es geht mir erstaunlich gut. Allerdings laboriere ich seit einiger Zeit an einer Autoimmunkrankheit. Ich zerstöre mich sozusagen allmählich selbst.

Stimmt die Mär vom schönen langen Leben?
Definitiv nicht. Ab 80 wird das Leben beschwerlich. Man hat Schmerzen, die Freundinnen und Freunde werden jedes Jahr weniger. Die Liebe ist ganz und gar verschwunden, weil mein langjähriger Lebensgefährte vor einigen Jahren bereits gestorben ist.

Zurück in die Vergangenheit: Was sind Ihre frühesten Erinnerungen?
Ich sehe einen schönen Baum, umsäumt von Veilchen, an denen ich rieche. Ich muss sehr klein gewesen sein, denn Veilchen habe ich als kleines Kind geliebt. In der Erinnerung ist meine Mutter sehr wichtig, die äußerst liebevoll und fürsorglich war. Mein Vater, ein HNO-Arzt, war dagegen ausgesprochen streng. Er hat uns auch immer wieder geschlagen.

Sie wurden 1936 im niederländischen Haarlem geboren und flohen gemeinsam mit Ihren Eltern 1939 vor den Nationalsozialisten in die damalige niederländische Kolonie nach Indonesien. Auf Java waren Sie dann gemeinsam mit Ihrer Mutter in einem Gefangenenlager der japanischen Besatzungsmacht inhaftiert.
Ich war sechs Jahre alt, als ich mit meiner Mutter ins Lager kam. Wir waren drei Jahre lang inhaftiert. Es war eine grausige Erfahrung: Wir hatten ununterbrochen Durchfall, litten zugleich unter nagendem Hunger. Es war ein Riesenglück, dass wir mit dem Leben davongekommen sind. Mama war im Lager ständig krank.

Wie verlief die erste Begegnung mit Ihrem Vater nach der Zeit im Lager?
Ein Mann kam auf mich zu und freute sich sichtlich, mich zu sehen. Ich erkannte meinen Vater aber nicht mehr wieder. Er war mir völlig fremd geworden. Als er mich auf seine Schulter hievte, war mir das sehr unangenehm.

1948 kehrten Sie nach Holland zurück.
Der Vater fand im Norden Hollands eine Arztpraxis. Er wollte, dass auch ich Medizinerin werde. Mit zwölf bekam ich von ihm eine Kamera geschenkt, mit der ich viel fotografierte. Eine Tante sah meine Bilder und sagte: „Das Mädchen muss Fotografin werden!“ Der Direktor einer Amsterdamer Fotoschule riet meinen Eltern daraufhin, sie sollten mich nach Wien oder Bonn zur Ausbildung schicken.

1952 übersiedelten Sie schließlich nach Wien in ein Pensionat im Nobelbezirk Hietzing.
Es war grauenhaft. Der Nationalsozialismus war im damaligen Wien immer noch über alle Maßen präsent. Mädchen im Pensionat zeigten mir Hitler-Porträts und riefen: „Geh, Margot, was hast du gegen ihn? Er ist doch so lieb!“ Die Eltern einer Freundin verboten mir, ihre gleichaltrige Tochter ein zweites Mal in Attnang-Puchheim zu besuchen, weil ich Jüdin war. Der reinste Irrsinn.

War die 18-jährige Margot Pilz ein komplizierter Mensch?
Nein. Ich wollte Fotografin sein, Models in Szene setzen, Porträts machen. Ich eröffnete gemeinsam mit einem Kollegen bald ein Fotostudio.

Ein Auftrag am Wiener Naschmarkt war schließlich entscheidend für Ihren weiteren Lebensweg.
Zu jener Zeit gab es dort Karren, vor die Hunde gespannt waren. Die Tiere mussten Lasten schleppen, wurden geschlagen. Wir sollten einen solchen Karren samt Hund fotografieren, wobei ich für ein Bild die Perspektive von hinten wählte. Ein guter Freund sah die Fotos und sagte: „Margot, du musst Künstlerin werden. Du bist ganz anders als die anderen.“ Mir haben stets Menschen weitergeholfen. Fotografie war eindeutig mein Weg. Aber Kunst? Lange Zeit habe ich nicht daran geglaubt, dass ich auch das kann.

In so gut wie jedem Zeitungsartikel über Sie ist zu lesen, dass Ihre künstlerische Arbeit erst spät entdeckt worden sei. Wären Sie lieber zu einem früheren Zeitpunkt bekannt gewesen?
Natürlich wäre ich lieber viel früher, am liebsten immer beachtet worden. Vor einem Vierteljahrhundert dachte ich, es sei nun vollkommen vorbei, kein Mensch sprach damals mehr über mich. Seinerzeit hörte ich mit der Kunst auf – und kehrte auf dem Umweg über die Keramik zu ihr zurück. Mein Leben verlief wie meine Kunst in Wellenbewegungen.

Können Sie sich mit dem Begriff „Jahrhundertzeugin“ anfreunden?
Da muss ich lachen, obwohl es rein rechnerisch stimmt. Ich erlebte den Zweiten Weltkrieg – und jetzt, mit Verlaub, diese Scheiße in der Ukraine. Wir haben hier immerhin noch Ruhe, fragt sich nur, wie lange noch.

Auf welchen Zeitabschnitt blicken Sie besonders gern zurück?
Die 1970er und 1980er Jahre waren faszinierend! Was für Entdeckungen wir machten! Wie hoch damals die Feminismus-Welle aufragte! Wir alle waren happy, hatten eine große Hetz.

Es war die Epoche von Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll.
Natürlich kifften wir. Einer meiner Freunde hatte eine Plantage. Eines Tages bekam ich aber zu viel ab, worauf ich es bald wieder sein ließ.

Was war mit Sex und Rock ’n’ Roll?
Der absolute Wahnsinn! Der Sex war super, weil wir keinerlei Hemmungen kannten. Es gab noch kein AIDS. Wir feierten Partys, die tagelang kein Ende fanden. Die Feste in der Wohnung des Wiener Dichters H. C. Artmann waren legendär. Am Boden lagen ineinander verknäulte, entblößte Pärchen, über die man drübersteigen musste. Es war gewaltig. Vielleicht ist es heute bei den Jungen ja genauso. Ich weiß es aber nicht, weil ich längst keine Partys mehr feiere.

Wie stellen Sie es an, um nicht im Übermaß sentimental zu werden?
Jede Idealisierung der Vergangenheit kann mir gestohlen bleiben, zumal ich mein Hiersein genauso wichtig und interessant finde.

Waren Sie als Künstlerin in jungen Jahren zu wenig egoistisch?
Das weiß ich nicht. Ich hatte damals noch einen Ehemann und einen Sohn, zwei astreine Machos. 1983, als mein Sohn 24 war, überließ ich die beiden ihrem Schicksal und übersiedelte in das Atelier, in dem ich bis heute lebe und arbeite.

Sie wagten einen späten Neustart.
Ja, vollkommen. Damals lebte ich regelrecht auf. Es fiel auch diese dauernde Kontrollfrage weg: „Was machst du gerade?“ Mein Ehemann und ich blieben bis zu seinem Tod befreundet.

Sie waren nicht nur in Ihrer Kunst, sondern auch in Ihrem Privatleben eine Vorkämpferin.
Durchaus. Damals zogen allerdings viele über mich her: „Wie kann man nur?“ Ich wurde auch als „Rabenmutter“ beschimpft.

2021 zeigte die Kremser Kunsthalle die Ausstellung „Selbstauslöserin“. Ein überaus passender Titel für Ihr Leben und Werk.
Vollkommen. Es war nie einfach, besonders nicht mit einem Ehemann, der gegen meine Kunst agitierte. Fritz war selbst Bildhauer, er starb 2016. Sein wiederkehrender Kommentar lautete: „So ein Blödsinn!“ Erst viel später änderte er seine Meinung. Es hat lange gebraucht, es hat lange wehgetan.

Wie wichtig ist es Ihnen, als Künstlerin bekannt zu sein?
Bekannt bin ich nur, weil ich so alt geworden bin. Sonst hätte man mich längst vergessen. Es gibt aber auch wenige Frauen, die sich mit 89 noch jeden Tag ins Atelier stellen.

Analog zu Ihrer Serie „Sekundenskulpturen“ bitte ich Sie gegen Ende unseres Gesprächs um „Sekundenantworten“: Haben Sie ein Hobby?
Tennisspielen früher. Fotografie bis heute.

Was ist ein guter Tag?
Einer, an dem ich keine Schmerzen habe, liebe Freunde treffe. Das ist wichtig. Sollte die Sonne wieder einmal scheinen, wäre das auch sehr schön.

Ist Facebook eine gute Erfindung?
Keine Ahnung, das lasse ich links liegen.

Was verbinden Sie mit Heimat?
Sehr viel. Heimat ist für mich Holland. Und Indonesien, wo ich als Kind zehn Jahre lang lebte. In Österreich blieb ich dagegen richtiggehend hocken. Jetzt komme ich nicht mehr weg, was natürlich schrecklich ist. Eine weitere Folge des Alters: Ich traue mir inzwischen nicht mehr zu, allein nach Holland zu reisen. Es gibt auch niemanden mehr, der mich dorthin begleiten könnte, weil alle bereits tot sind. Früher war ich eine Weltreisende. Das Meer fehlt mir. Ich liebe das Meer.

Was ist Glück?
Glück ist, wenn man es miteinander teilt.

Was raten Sie jungen Künstlerinnen?
Teamwork.

Haben Sie eine Lieblingsfarbe?
Orange, Rot, Lila. Inzwischen mag ich sogar Blau. Früher mochte ich diese Farbe nicht, weil es eine Männerfarbe war.

Würden Sie gerne mit Donald Trump zu Abend essen?
Ich hasse diesen Mann.

Warum ist der Tod so humorlos?
Ist er das? Ich weiß es nicht. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Das sagt sich leicht, ich weiß. Aber mit knapp 90 darf ich das sagen.


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