Schreiben ist eine Form des Feierns
Daniela Egger. Foto Darko Todorovic
Als wir uns auf einen Kaffee treffen, trägt Daniela Egger Docs. Schuhe, die Generationen verschiedenster Subkulturen geerdet haben. Bodenhaftung ist jedoch nicht der erste Begriff, der einem zu der Autorin einfallen würde: Eggers tiefe Verbindung zur Welt scheint eher auf Herz- und Augenhöhe gewachsen. Zum Schreiben kam die gebürtige Hohenemserin und Modeschule-Absolventin allerdings über das Fliegen: Ihre Jahre als Flugbegleiterin in einem Privatjet eines arabischen Scheichs wurden zu Geschichten. Geschrieben auf einer einsamen griechischen Insel. Von Carina Jielg
Vor Kurzem gab es eine Notiz von Ihnen auf Social Media: Sie haben bisher 42 Theaterstücke verfasst. Das 42. ist das Libretto für eine Kinderoper, die im Oktober am Vorarlberger Landestheater uraufgeführt wird. 42 ist im Buch von Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“ die Antwort, die ein Supercomputer auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gibt. Vielleicht ist die Analogie etwas schief, dennoch: Ist Schreiben Ihr Sinn des Lebens?
Daniela Egger: Das ist eine wuchtige Frage für den Einstieg … ich würde sagen, der Sinn meines Lebens ist es, einfach da zu sein. Diese Antwort hat der Physiker Brian Cox formuliert, und das gefällt mir ziemlich gut – er beschreibt die enorme Unwahrscheinlichkeit, dass auf einem der vielen Planeten im Universum Leben entstehen kann. Es braucht ideale Bedingungen, jede kleinste Abweichung wäre das Aus. Deshalb sollten wir den Umstand, dass wir auf der Erde sind und ein Leben haben, schlicht und einfach feiern – das ist Sinn genug. Sagt er. Und das Schreiben ist eine Form des Feierns … es macht Freude, wenn etwas gelingt.
Es heißt, Sie seien mit Fernweh zur Welt gekommen. Japan gilt als Land ihrer Sehnsucht. Sie haben dort viel Zeit verbracht, tiefe Einblicke in die japanische Kultur bekommen. In der allgemeinen Vorstellung ist Japan eng, voll von Konventionen, Gefühle werden kaum gezeigt – Sie erinnern sich hingegen an eine Freiheit, die gerade durch diese Zurückhaltung entstehe. Wie meinen Sie das?
Ich hatte auf jeden Fall den größeren Kulturschock, wie immer, wenn ich wieder nach Europa kam. Die Menschen hier sind vergleichsweise laut, kommen zu nahe und behaupten Dinge. Ich tue das auch, schließlich bin ich hier aufgewachsen. Ich hatte das Glück einer engen Freundschaft mit einer japanischen Galeristin, die leider inzwischen verstorben ist. Ich vermisse sie sehr. Mit ihr durfte ich die japanische Kultur besser kennenlernen, auch wenn das immer noch eine hauchdünne Oberfläche ist. Obwohl wenig Platz ist – oder auch deswegen – empfand ich viel mehr persönlichen Raum, die Menschen sind respektvoller im Umgang, niemand würde je fragen, ob man vom Schreiben leben kann … oder was man beruflich macht. Mir fehlt die Zeit in Japan, aber meine Verbindung dorthin ist durch den Tod meiner Freundin verändert. Ich kann mir nicht vorstellen, jetzt als Touristin nach Japan zu reisen. Es gibt auch andere Sehnsuchtsorte – ich würde jetzt eher mehr Zeit in Griechenland verbringen wollen.
Sie erwähnten Ihre Großmutter, die neben dem Kochen, das sie täglich verrichtet hätte, Bücher etwa über Tibet gelesen habe. Diese Neugier, dieses Fernweh, ist das möglicherweise etwas, das Ihnen familiär vorgelebt wurde?
Vermutlich ist das so. Obwohl man so etwas nicht wissen kann – meine Großmutter hat gelesen, neben der Hausarbeit und immer, wenn sie neben ihrer vielen Arbeit etwas Zeit stehlen konnte. Sie wäre vielleicht gerne gereist, mein Vater ebenfalls – er wollte, als er jung war, auswandern. Beide kannten die Sehnsucht – wonach genau, kann ich nicht sagen, vielleicht nach einem anderen Leben. Ich wollte auch ein anderes Leben, als ich ein Kind war. Das lag vielleicht daran, dass die Erwachsenen um mich herum nicht glücklich waren.
Weg von zu Hause gehen Sie bereits mit 15, sie studieren Modedesign an der Modeschule Hetzendorf. Damals waren Sie Punk. Wie kam es und welche Rolle spielte Vivienne Westwood?
Vivienne Westwood ist und bleibt eine Ikone. Und Mode macht das Leben schöner. Farben und Formen helfen mir zuverlässig und immer durch den Tag. Ich habe mir vorgenommen, mit 70 wieder zum Punk zu werden, falls ich so alt werde. Wenn das Patriarchat sich weiter so aufführt wie derzeit, könnte es aber früher nötig werden.
Nach der Modeschule schließen Sie eine Ausbildung zur Flight-Attendant ab. Sie kommen in die Crew eines Privatjets eines einflussreichen saudi-arabischen Scheichs. Lange Auslandsaufenthalte folgen, fünf Jahre lang sind Sie Teil der Crew. Eine sprichwörtlich bewegte Zeit, die in der Erzählung „Der Steward hätte die Tür nicht öffnen dürfen“ mündet. Das ist Ihr Einstieg in die Literatur und der Beginn einer Reise nach Griechenland.
Ja, nach dem Fliegen begann eine Orientierungsphase, ich wusste nicht genau, was jetzt kommen sollte. Ich stellte meine Möbel unter und hatte wieder großes Glück – ich durfte das Haus von Bekannten auf einer griechischen Insel hüten. Einen Winter lang. Ich wollte wissen, ob ich so lange alleine in einer einsamen Gegend leben könnte, und ich wollte wissen, ob ich das mit dem Schreiben ernst meinte. Das wusste ich da noch nicht so genau. Beides hat funktioniert, nicht immer einfach, aber am Ende sehr beglückend. Natürlich ging mir irgendwann das Geld aus und ich musste mich um ein Einkommen kümmern. Außerdem war der Winter vorbei und das Haus wurde wieder gebraucht.
Nach einem Studium des Drehbuchschreibens in München beginnen Sie in Vorarlberg schreibend Fuß zu fassen. Werden gleichsam sesshaft. Auch eines jener Projekte, das Sie seit Langem begleiten, das Literaturhaus Vorarlberg, bekommt demnächst eine feste Adresse. Was bedeutet dieses Haus für Sie?
Es gab damals einige private Gründe, weshalb ich in Vorarlberg sein musste. Das Literaturhaus Vorarlberg hat auch eine lange Geschichte. 2008 stellten Wolfgang Maurer und ich, beide im Vorstand des Autorenverbandes, wie er zu der Zeit hieß, die erste Idee eines Literaturhauses dem damaligen Kulturlandesrat vor. Dass wir jetzt in diesem liebevoll sanierten Haus die Türen öffnen dürfen, ist das Ergebnis von sehr vielen ehrenamtlichen Stunden Arbeit, Kämpfen und Geduld. Bei seiner Entstehung haben viele gute Geister mitgewirkt. Wir hatten allerdings auch ordentlich Gegenwind. Zum Glück weiß man vorher nicht, was alles auf einen zukommt, wenn man mal eben die Idee hat, dass es in Vorarlberg ein Literaturhaus brauchen würde. Aber ich bleibe dabei – Vorarlberg braucht dieses Haus und jetzt ist es in den richtigen Händen und am schönsten Ort, der zu uns gefunden hat.
Schreiben ist das Eine, Lesen das Andere. In der Lobby Ihres Lieblingshotels gibt es ein Regal, das mit Ihren Lieblingsbüchern bestückt ist. Darunter die Biografie von Marina Abramović. Eines Ihrer Highlights, sagen Sie. Warum?
„Durch Mauern gehen“ ist eine beeindruckende Biografie und ich werde sie bestimmt wieder und wieder lesen. Diese Künstlerin hat ihre Grenzen gründlichst ausgelotet, und sie ist weit vorgedrungen – sehr berührend ist ihr Mut und ihre Radikalität, mit der sie dem Menschsein und sich selbst auf den Grund geht.
Zum Schluss noch einmal Douglas Adams und „Per Anhalter durch die Galaxis“: In der Geschichte ist die Erde im Weg, Außerirdische möchten sie für den Bau einer Umgehungsstraße „abreißen“. Die Pläne dazu stammen von einem Supercomputer namens „Deep Thought“, der im Übrigen – wie später im Buch zu erfahren ist – auch die Erde konstruiert hat.
Eine Science-Fiction-Satire aus den 1970er Jahren. Gerade passieren jedoch weltweit Dinge, die man bis vor Kurzem für ebenso unmöglich gehalten hat wie die Begebenheiten im Buch. Was hilft Ihnen beim Sortieren, Verstehen des Weltgeschehens?
Douglas Adams und Monty Python haben mir den englischen Humor nahegebracht, dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Über die politischen Ereignisse der letzten Monate kann ich nur staunen. Ich habe aber den Eindruck, dass alles, was mit solcher Geschwindigkeit geschieht, nicht sehr haltbar ist. Die echten Dinge wachsen langsam, darauf will ich vertrauen. Es ist viel Bewusstsein gewachsen in den letzten Jahrzehnten, für eine gerechtere Welt und für die Auswirkungen unseres Lebensstils. Es sind auch viele Lösungen entstanden. Ich denke, man darf sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, auch wenn Nachrichtenlesen derzeit wirklich anstrengend ist. Im Notfall lese ich einen Krimi.
Weitere Informationen: daniela-egger.at





