Slow Travel: Die feine Kunst des Reisens
Foto Olivie Strauss, unsplash
Reisen hat sich verändert. Es ist irgendwie zu einem Wettlauf gegen die Zeit geworden – eine To-do-Liste, die vor der Heimkehr abgehakt sein muss: Sehenswürdigkeiten abklappern, perfekte Instagram-Fotos schießen, das angesagteste Restaurant finden –
keine Sekunde darf ungenutzt bleiben. Jeder Moment wird durchgeplant, jede Etappe optimiert, um möglichst viel in möglichst kurzer Zeit aufzunehmen. Dabei verliert man jedoch zunehmend das Wesentliche aus den Augen: Es geht beim Reisen nicht nur ums Sehen, sondern ums Erleben!
Von Judith Lorenzon
Raus aus dem Takt
Erschöpfung statt Erholung; Selfie statt Begegnung – der kanadische Autor Carl Honoré, einer der bekanntesten Verfechter der Entschleunigung, bringt es im Gespräch mit der Autorin treffend auf den Punkt: „Heutzutage wird das Reisen oft von den drei Reitern der modernen Apokalypse zerstört: Stress. Ungeduld. Ablenkung. Wir behandeln das Reisen wie ein weiteres Arbeitsprojekt. Alles muss durchgeplant, durchgetaktet und durchgezogen werden. Wir packen unsere Reiserouten voll bis zum Rand, weil wir glauben, dass nur die maximale Ausbeute auch maximalen Wert schafft. Überraschung, Spontaneität und Staunen weichen da Effizienz und Kontrolle und genau damit verlieren wir die Verbindung zum Moment – sowie oft auch zu uns selbst.“ Dabei sollte Reisen doch genau das Gegenteil sein: ein Ausbruch aus dem Alltag, ein Ankommen in einer anderen Welt – nicht nur geografisch, sondern auch innerlich.
Slow Travel ist eine bewusste Entscheidung für ein anderes Tempo, eine andere Haltung gegenüber dem Reisen. Und auch wenn der Begriff es nahelegt, bedeutet „langsam reisen“ nicht, alles in Zeitlupe zu tun. Es ist keine Einladung zum Trödeln. Es geht darum, mit offenem Herzen und wachen Sinnen unterwegs zu sein. Achtsamkeit ist der Schlüssel, Präsenz das Ziel. Man verweilt im Moment, statt durch ihn durchzurasen. Wer achtsam unterwegs ist, kann beim Wildwasser-Rafting oder Bungee-Jumping genauso präsent sein wie beim idyllischen Sonnenuntergang am Meer. „Es geht nicht darum, wie schnell man sich bewegt, sondern wie tief man eintaucht“, so Honoré. Statt durch Städte zu hetzen, gilt es, sich treiben zu lassen. So entstehen Erinnerungen, die bleiben – „proustianisch“, wie Honoré betont und meint damit von Sinneseindrücken geformte „Erlebnisse, die nicht in der Cloud, sondern im Herzen gespeichert sind.“
Weniger ist oft mehr
Der klassische Tourismus präsentiert meist eine weichgezeichnete Version des Reiseziels; eine perfekt durchgestylte Inszenierung, wo lokale Eigenheiten dem Geschmack der Gäste weichen müssen. So ist das Essen „typisch“, aber nicht authentisch; die Souvenirs sind austauschbar und die Gespräche gehen meist nicht über die Wetteraussichten für die kommenden Tage hinaus. Wer dagegen langsam reist, geht tiefer und oft auch weiter. Man betritt unbekanntes Terrain in jeglicher Hinsicht. Denn mit dem Verlassen der eigenen Komfortzone begegnet man echten Menschen und erfährt unerwartete Momente. „Wenn man sich zu schnell durch die Welt bewegt“, erklärt Honoré, „verpasst man die kleinen Details und Feinheiten, die jeden Ort spannend und einzigartig machen. Man besucht Orte, ohne sie wirklich zu erleben.“

„Slow Travel bedeutet, auch mal keinen Plan zu haben, Umwege zu gehen, sich zu verlaufen und der Nase statt der Karte zu folgen.“
Foto Markus Mosman
Slow Travel bedeutet, auch mal keinen Plan zu haben, Umwege zu gehen, sich zu verlaufen und der Nase statt der Karte zu folgen. „Ich habe mich einmal in Buenos Aires verlaufen und bin über ein Asado in der Nachbarschaft gestolpert. Ich verbrachte den ganzen Abend damit, mit den Einheimischen zu plaudern, zu essen und zu tanzen. Dreißig Jahre später erinnere ich mich noch an den tiefen, rauchigen Geschmack der Chorizo, die direkt vom Grill kam“, schwärmt Honoré. Genau solche Erlebnisse sind es, die eben nicht planbar sind. Sie passieren im Dazwischen, im Spontanen. „Wer nicht alles im Voraus durchdenkt“, so Honoré, „lässt Platz für Magie wie einen Sonnenuntergang hinter Dubrovniks Mauern, den man nur sieht, weil der Akku leer war. Oder ein Gespräch mit der weisen Marktfrau, das den Blick auf das Leben verändert.“
Die Kunst des Verweilens
Ein anderer wesentlicher Aspekt des Slow Travel ist das bewusste Verweilen. Zeit zu haben für Orte, Menschen und sich selbst. Wer verweilt, sieht mehr. Hört mehr. Fühlt mehr. „Ich erinnere mich an eine Wanderung durch die weite, sonnenverbrannte Buschlandschaft des bolivianischen Altiplano“, erzählt Honoré. „Es war still, endlos, intensiv. Ich war allein mit mir, mit dem Wind und der Weite. Und plötzlich war da eine Klarheit, wie ich sie lange nicht gespürt hatte. Eine Woche später war ich zurück in meinem alten Leben – aber innerlich war alles anders. Ich hatte mich entschieden, Dinge zu ändern.“ Solche Reisen sind es, die wirklich Spuren hinterlassen, nicht nur im Reisepass, sondern im Ganzen.
Statt Land und Leute nur durch einen Filter zu sehen, lädt Slow Travel dazu ein, wirklich hinzuschauen und den Blick auf das Leben vor einem zu richten. „Technologie kann Ihr bester Freund sein – oder Ihr schlimmster Feind“, warnt Honoré. „Jede Minute, in der man auf das Telefon starrt, ist eine Minute, in der man die Welt um sich herum nicht genießen kann.“ Sein Tipp? Sich freimachen von jeglicher Ablenkung. Das Handy öfter mal in der Tasche lassen und stattdessen zeichnen, schreiben oder einfach beobachten. Viele Reisende der Slow-Travel-Bewegung dokumentieren ihre Eindrücke in Skizzenbüchern oder Reisetagebüchern. Andere probieren sich in der Zubereitung lokaler Spezialitäten oder lernen ein paar Sätze in der Landessprache.
Langsamkeit als Kompass
In einer Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint, ist Slow Travel ein wohltuender Gegenentwurf. Ein Reisestil, bei dem es nicht um „Rückzug, sondern um Rückbindung an Orte, an Menschen, an sich selbst geht“, wie Honoré abschließend zusammenfasst. „Slow Travel ist dabei aber kein Verzicht, es ist ein Geschenk. Denn der wahre Luxus ist heute nicht Geld, sondern Zeit. Zeit, die man nicht füllen muss. Zeit, die man verschenken darf. An einen Ort. An einen Menschen. An sich selbst.“ Und so schenkt uns Slow Travel die Gelegenheit, zur Essenz des Reisens zurückzukehren, nämlich zu entdecken, zu staunen und an Erlebtem zu wachsen.
Carl Honoré ist Journalist, Autor und einer der bekanntesten Vertreter der Slow-Bewegung. Geboren 1967 in Schottland, aufgewachsen in Kanada, studierte er Geschichte und Italienische Literatur in Edinburgh und arbeitete weltweit. Mit seinem Buch „In Praise of Slow“ (2004) wurde er zum Vordenker für ein bewussteres, entschleunigtes Leben.
Weiter Informationen: carlhonore.info
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