Stadt, Land, Fluss
Klimaschutz und Urbanisierung nach „One Health“
Gesundheit entsteht im Zusammenspiel von Mensch, Tier und Umwelt – besonders dort, wo Lebensräume aufeinandertreffen. Im dritten Teil unserer Serie zum „One-Health“-Ansatz richten wir daher den Blick auf Städte, Klima und Lebensräume. Expertinnen und Experten wie Hanns Moshammer, Helga Kromp-Kolb, Philipp Weihs sowie Tanja Tötzer und Marianne Bügelmayer-Blaschek erklären, wie Klimaschutz und Stadtentwicklung im Sinne von „One Health“ gedacht werden müssen.
Von Judith Lorenzon
In einer Zeit, in der unsere Gesellschaft vor beispiellosen Herausforderungen steht, ist der Klimawandel eine der dringendsten und weitreichendsten Bedrohungen. Seine Auswirkungen wie extreme Wetterereignisse, steigende Temperaturen und veränderte Lebensräume – als Folgen zunehmender Umweltverschmutzung und Urbanisierung – führen dazu, dass sich Infektionskrankheiten schneller ausbreiten, gesundheitliche Probleme zunehmen und die Stabilität ganzer Ökosysteme gefährdet ist. Es braucht daher einen integrierten Ansatz zwischen Klima- und Gesundheitsschutz, um intelligente und nachhaltige Lösungen zu finden. Genau an dieser Schnittstelle forschen und arbeiten Expertinnen und Experten wie Helga Kromp-Kolb vom Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit und Prof. Hanns Moshammer von der Medizinischen Universität Wien, Institut für Umwelthygiene.
Naturkatastrophen und globale Wetterextreme
Folgen des Klimawandels wie das Abschmelzen des arktischen Eises, Jetstream-Anomalien oder das Strömungsphänomen „El Niño“ wirken sich unter anderem global auf das Wetter aus. Infolgedessen halten etwa manche Wetterlagen länger an, was die Wahrscheinlichkeit für Extremwetterereignisse wie anhaltende Hitzeperioden, Dürre oder heftige Regenfälle mit Hochwassergefahr entsprechend erhöht, wie Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb erklärt: „Extreme Ereignisse treten häufiger und intensiver auf; das Unerwartete wird wahrscheinlicher. Was früher als Jahrhunderthochwasser galt, kann heute innerhalb von Jahrzehnten mehrfach auftreten. Diese Entwicklung ist herausfordernd für unsere Infrastruktur und die Gesellschaft, in der jeder und jede einzelne mehr Eigenverantwortung übernehmen muss.“
Dürren in Afrika oder Taifune in Südostasien beeinflussen das Wetter in Österreich zwar nicht direkt, beruhen aber oft auf denselben klimatischen Veränderungen, mit potenziell spürbaren sozialen und wirtschaftlichen Folgen auch in Österreich. Das macht deutlich: Die Klimakrise ist kein entferntes Problem einzelner Weltregionen – sie ist ein global vernetztes Phänomen, das sich lokal unterschiedlich, aber überall merkbar auswirkt.
Klimawandel und Gesundheit: Eine komplexe Beziehung
Ein weniger sichtbares, aber ebenso besorgniserregendes Phänomen ist die Zunahme neuer oder wiederkehrender Infektionskrankheiten. So breiten sich durch veränderte klimatische Bedingungen vektorübertragene Krankheiten wie Dengue- oder West-Nil-Fieber zunehmend in Europa aus. Dazu Prof. Hanns Moshammer: „Trotz aller technischer und zivilisatorischer Errungenschaften hängen unser Wohlergehen und unsere Gesundheit immer noch stark von den natürlichen Umweltbedingungen ab – insbesondere von Klima und Wetter. Mit dem menschengemachten Klimawandel verschieben sich die globalen Klimazonen, was überall eine rasche Anpassung erfordert, die vielerorts aber bereits an ihre Grenzen stößt. Besonders die Zunahme intensiver Hitzewellen stellt derzeit das weitaus größte meteorologische Problem für die öffentliche Gesundheit dar.“
Doch nicht nur extreme Hitze als direkte Bedrohung wirkt sich negativ auf die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt aus. Auch indirekte Folgen wie die Zunahme von Atemwegserkrankungen durch Luftverschmutzung oder die Belastung der Wasserversorgung und Ernährungssicherheit zeigen: Der Klimawandel wirkt auf vielfältige Weise als gesundheitlicher Risikofaktor. Nicht zuletzt hinterlassen Umweltkatastrophen und Zukunftsängste auch psychisch tiefe Spuren, in Form von Stress, posttraumatischen Belastungs- und Angststörungen und Depressionen. Trotz dieser vielschichtigen Risiken fehlt es häufig noch an strukturellen Antworten.
„Es hat lange gedauert, bis der Klimawandel in Österreich von den Gesundheitseinrichtungen als Gesundheitsrisiko verstanden wurde“, so Helga Kromp-Kolb. „Zwar gibt es inzwischen erste Maßnahmen – etwa zur Senkung der Emissionen im Gesundheitssektor oder zur Anpassung der Infrastruktur –, doch es fehlen weiterhin klare gesetzliche Vorgaben und verbindliche Strukturen. Insofern kann man nicht sagen, dass das Problem hinreichend ernst genommen wird.“
Städte im Fokus
Städte spielen eine Schlüsselrolle beim Klimawandel – sie sind Treiber der Entwicklung, aber auch besonders anfällig für negative Auswirkungen. Bis 2050 werden voraussichtlich 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Dies stellt uns vor enorme Herausforderungen, bietet aber auch Chancen für innovative Lösungen.
Rund 70 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen entstehen in urbanen Räumen – durch Verkehr, Industrie, Energieverbrauch und dichte Bebauung. „Durch die vielen versiegelten Flächen, die eingeschränkte Luftzirkulation und die zusätzliche Wärmeabstrahlung von Verkehr und Gebäuden entsteht ein eigenes Mikroklima“, erklärt Prof. Mag. Dr. Philipp Weihs vom Institut für Meteorologie und Klimatologie an der Universität für Bodenkultur Wien. „Dieses sogenannte ‚Urban-Heat-Island-Phänomen‘ führt dazu, dass die Temperatur in Städten nachts um bis zu zehn Grad höher sein kann als im Umland – ein deutlicher Unterschied, der vor allem während Hitzewellen zur gesundheitlichen Belastung wird.“
Besonders problematisch: Die Erwärmung wirkt sich direkt auf die Luftqualität aus. Durch erhöhte Hitze und Sonneneinstrahlung werden höhere Konzentrationen von Ozon und Feinstaub erzeugt. Hinzu kommt, dass durch anhaltende Hitzeperioden und Trockenheit die natürliche Kühlleistung der Stadtvegetation erheblich geschwächt wird. Selbst gut geplante Grünflächen können ihren Zweck nicht mehr erfüllen, wenn das Wasser fehlt. „Wenn Pflanzen unter Trockenstress leiden, schließen sie ihre Stomata, und damit fällt auch der kühlende Effekt durch Verdunstung weg“, so Weihs. Umgekehrt kann eine gut bewässerte Vegetation die Temperatur spürbar senken – um bis zu drei Grad.
Innovative Stadtplanung für mehr Resilienz
Um Städte an den Klimawandel anzupassen, sind ganzheitliche Konzepte gefragt. Der Einfluss des sogenannten „urbanen Exposoms“ – also der Gesamtheit aller städtischen Umweltfaktoren – auf die öffentliche Gesundheit lässt sich durch gezielte Veränderungen in der Stadtgestaltung positiv beeinflussen: „Dabei spielen Bebauungs- und Flächennutzungspläne eine zentrale Rolle. Denn werden sie regelmäßig überarbeitet und konsequent auf Klimaresilienz ausgerichtet, können sie nicht nur eine gerechte Verteilung und Nutzung des verfügbaren Raums sicherstellen, sondern auch den Grad der Bebauung und Versiegelung steuern. In Wien hat etwa die Novellierung der Bauordnung zu einer strengeren Bewertung geführt – Rasengitter werden seither nicht mehr als unversiegelte, sondern als teilversiegelte Flächen eingestuft. Dadurch kann die Wärmebelastung in der Stadt reduziert und gleichzeitig die Biodiversität erhöht werden“, erklärt Dr.in Marianne Bügelmayer-Blaschek vom „AIT Austrian Institute of Technology“.
Von begrünten Dächern und Fassaden zum Schwammstadtprinzip, autofreien Zonen und durchmischten Quartieren – theoretisch gibt es viele Ansätze, wie sich urbane Räume klimaresilient gestalten lassen. Es hapert an der Umsetzung, wie Dr.in Tanja Tötzer vom „AIT Austrian Institute of Technology“ weiß: „Die Transformation bestehender Stadtstrukturen ist ein langfristiger Prozess, der schrittweise erfolgen muss. Pionierprojekte haben bereits beispielhafte Lösungen aufgezeigt, nun müssen diese Ansätze systematisch skaliert und in die Breite gebracht werden.“ Damit klimaresiliente Stadtentwicklung gelingt, braucht es aber nicht nur langfristige Strategien, Durchhaltevermögen sowie eine klare politische Rückendeckung, sondern auch ein stärkeres Verständnis in der Bevölkerung – „In vielen Fällen fehlt der Bevölkerung noch das Bewusstsein für die Potenziale des öffentlichen Raums. Temporäre Interventionen wie etwa Parklets, Straßenfeste, künstlerische Aktionen wie im Projekt ‚LiLa4Green‘ leisten hier einen wichtigen Beitrag zur Sensibilisierung und Akzeptanz für eine klimaresiliente Umgestaltung“, so Dr.in Tanja Tötzer.
Gemeinsam „Stadt.Leben.Gesundheit“ gestalten
Städte sind Brennglas und Bühne zugleich. Hier verdichten sich die Auswirkungen der Klimakrise, wenngleich auch Ideen gefunden werden, wie wir ihr begegnen können. Von der Anpassung an Extremwetterereignisse bis hin zur Förderung von Wohlbefinden – im dichten Geflecht aus Asphalt, Beton und Verkehr entstehen zunehmend mehr Räume für Klima-, Umwelt- und Gesundheitsschutz im Sinne des „One-Health“-Ansatzes. Viele dieser Veränderungen beginnen im Alltag, mit einfachen, aber wirksamen Praktiken, die wir nur allzu gern im nächsten Teil unserer Serie vorstellen.






