Von Social Acupuncture zur Unterhaltung – und zurück
Stephanie Gräve. Foto Marcello Girardelli
Das Vorarlberger Landestheater hat sich unter der Leitung von Intendantin Stephanie Gräve deutlich verändert – im besten Sinn. Sie spricht über Klassiker der Literatur, alternative Spielstätten und den richtigen Mix aus Schmerzpunkten, Musik und Freude. Oder die Frage – was bringt auch junges Publikum ins Theater? Von Daniela Egger
Du hast aus dem Vorarlberger Landestheater einen Ort gemacht, der so lebendig und vielfältig ist wie noch nie. Wird das aus deiner Sicht auch so wahrgenommen – was sagen die Zuschauerzahlen?
Unser Publikumszuspruch ist tatsächlich sehr erfreulich, wir hatten die beste Spielzeit seit Langem und natürlich spüren wir stark, dass sich die Publikumsstruktur verändert hat. Es kommen jüngere Menschen, es ist gesellschaftlich weitaus diverser, als es zu Beginn war. Wir haben neues Abo-Publikum dazugewonnen – als ich anfing, gab es so einige Abo-Kündigungen, auch während der Pandemie, aber ein großer Teil des früheren Publikums ist uns treu geblieben. Die älteren Menschen freuen sich jetzt über die Verjüngung.
Mit welchen Herausforderungen hat das Theater heute zu kämpfen?
Die größte Herausforderung ist die Steigerung der Personalkosten. Die Budgetsituation verschiebt sich dadurch in Richtung Löhne, was natürlich richtig und wichtig ist. Das Problem ist halt, dass wir solche Entwicklungen mit dem bestehenden Budget tragen müssen. Es gab keine Kürzungen, aber die Indexanpassung im gesamten Kulturbereich entspricht nicht den tatsächlichen Teuerungen – real haben wir einen Budgetverlust. Deshalb geht die Erhöhung von Personalkosten auf Kosten der künstlerischen Produktion. Überall dort, wo die öffentliche Hand finanziert, in der Kultur wie im Sozialbereich, sind die Institutionen unter Druck geraten. Wir sehen inzwischen, dass auch das Publikum sich überlegt, ob der Theaterbesuch leistbar ist – beispielsweise bieten wir manchmal 2-zu-1-Aktionen an, die sehr gefragt sind. Ebenso sehen wir eine Steigerung bei den Karten, die über „Hunger auf Kunst und Kultur“ gebucht werden. Das ist der Widerspruch, unter dem wir arbeiten: Wir haben einen gesellschaftlichen Auftrag und wollen das Theater für alle zugänglich erhalten, müssten aber gleichzeitig die Einnahmen erhöhen.
Das Theater ist häufig auch ein Seismograf für gesellschaftliche Strömungen – wie setzt du die Programmierung dafür ein?
Das ist sicher mein Hauptanliegen, eine Form von gesellschaftlicher Wirksamkeit zu finden, mit dem, was wir tun. Es gibt einen Begriff von dem kanadischen Theatermacher Darren O’Donell, der von „Social Acupuncture“ spricht. Das finde ich ein gutes Konzept, man setzt so kleine Nadeln an die gesellschaftspolitischen Schmerzpunkte und verändert damit idealerweise etwas zum Positiven. Deswegen gehören natürlich auch gesellschaftspolitische Themen immer auf unseren Spielplan. Im kommenden Herbst sind das „Macbeth“ und „Transit“ – Shakespeares „Macbeth“ ist ein Stück über Machtbesessenheit, die zur Vernichtung führt, es geht um den Verlust von menschlichem Anstand und Empathie. Dafür haben wir im Moment mehr als genug Beispiele von autokratischen Herrschern vor Augen, die sich vollkommen skrupellos über alles hinwegsetzen. Das Stück schildert, dass eine ganze Welt zugrunde geht – wenn Macbeth den Mord am König begeht, dann geht ein Riss durch die Welt, es wird nicht mehr Tag. Das kann die Kunst natürlich sehr schön und drastisch: zeigen, was mit politischen Verbrechen ausgelöst wird. Und dann das Stück „Transit“ nach dem Roman von Anna Seghers – da geht es um Menschen, die versuchen, eine Schiffspassage zu bekommen, um Asyl zu finden und in Sicherheit zu gelangen. Wir erleben heute den erstarkenden Rechtsextremismus einerseits, gleichzeitig machen Menschen, für die wir eine Verantwortung haben, die umgekehrte Reise und versuchen, übers Mittelmeer zu uns zu kommen, weil sie in ihrer Heimat bedroht sind.
Bei „Transit“ bist du für die Regie verantwortlich?
Ja, das ist eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema. Wir spiegeln die beiden Seiten: Wir, die wir eine enorme Fluchtbewegung verschuldet haben und auch darauf angewiesen waren, dass uns geholfen wird, sind nicht in der Lage, jetzt ausreichend zu reagieren und zu helfen, wenn andere Staaten ihre Bevölkerung gefährden. Die Frage ist, was lernen wir aus unserer historischen Verantwortung? Neben all den gesellschaftspolitischen Themen und dem Wunsch nach Wirksamkeit gibt es immer auch den einen Punkt: Man muss die Menschen unterhalten. Es ist eine ganz einfache Regel – wer sich langweilt, ist nicht erreichbar. Und wird vielleicht auch nicht mehr wiederkommen. Deshalb wollen wir nicht mit dem Zeigefinger auf Schmerzpunkte weisen, es geht mehr darum, die Menschen wirklich zu berühren – und dafür ist das Theater besonders gut geeignet.
Zwischen Intendanz, Publikumsbeziehung, Administration und Regie: Welche der Aufgaben in so einem komplexen Haus liegt dir am ehesten?
Regie zu führen, macht mir großen Spaß, aber es ist sehr zeitintensiv – ich habe das Gefühl, das geht nicht öfter im Jahr. Intendanz ist schließlich kein Nebenjob. Der ganze bürokratische Aufwand wird immer anspruchsvoller, es gibt inzwischen Nachhaltigkeitskonzepte, Kinderschutzkonzepte, Datenschutz, KI und all diese neuen Aufgaben, die bearbeitet werden müssen. Natürlich stehe ich hinter all den Themen inhaltlich zu 100 Prozent – aber muss das alles in Excel-Listen eingetragen werden? Am meisten Freude macht mir der Kontakt mit dem Publikum. Am Ende der letzten Spielzeit konnte ich aus familiären Gründen zu wenig bei den Vorstellungen dabei sein – das fehlt mir. Plötzlich ging die Spielzeit zu Ende und ich bin kaum da gewesen. Natürlich macht es mir auch Freude, mit dem Ensemble zu arbeiten und mit den Leuten im Haus. Aber am schönsten finde ich, mit der Öffentlichkeit in Kontakt zu sein, gastfreundlich zu sein, den Menschen, die zu uns kommen, etwas anzubieten. Wir haben ein tolles Team, das auch mal bereit ist, sich selbst hinter die Bar zu stellen, damit es nach der Vorstellung schneller geht – auch das ist wichtig.
Das Haus steht vor einem großen, dringend benötigten Umbau – was erwartet das Publikum danach?
Das Haus ist 1994 zuletzt saniert worden, das heißt, die Technik ist auf dem Stand von vor 31 Jahren. Man weiß ja, wie sich die Digitalisierung entwickelt hat – wir sind schon lange nicht mehr auf der Höhe der Zeit und zudem geht inzwischen dauernd etwas kaputt. Es wird kein bahnbrechend neues Haus werden, wir kommen eher in der Gegenwart an. Die Bestuhlung muss ebenfalls saniert werden, man muss aber wissen, dass diese Qualität heute gar nicht mehr gemacht wird. Unsere Sessel sind formschön und bequem, brauchen aber teilweise eine neue Polsterung oder Reparatur. Wir haben dazu ein Sponsorenkonzept entwickelt, man kann also Sessel-Patenschaften übernehmen. Das bereiten wir gerade vor. Wir suchen auch Sponsoren im größeren Umfang, beispielsweise für einen teuren Scheinwerfer. Die Stuhl-Patenschaft wird in etwa bei 300 oder 350 Euro liegen – da kann man sich dann laut Saalplan seinen Sessel aussuchen.
Wo werdet ihr in dieser Zeit spielen?
Wir sind auf der Suche nach alternativen Spielstätten und freundlichen Gastgebern und Gastgeberinnen. Unser Produktionsbudget geht zum Teil in die Sanierung, deshalb können wir keine großen Mieten bezahlen und sind dankbar für Einladungen.
Wenn du nach all den Jahren Vorarlberg als Lebensstandort für dich in ein paar Sätzen beschreiben würdest – was würdest du sagen?
Als ich 2018 hierherkam, dachte ich, das wird funktionieren wie an meinen früheren Arbeitsorten in Bonn, Basel und Bern. Ich erwartete eine ähnliche Publikumsschicht – aber es war dann doch eigener und spezieller, als ich mir das vorgestellt hatte. Ich hatte zu Anfang dieses Stück gemacht, „Der 27. Kanton“, mit einem Schweizer und einem österreichischen Autor und wurde mit dem Vorwurf konfrontiert, dass es kein Vorarlberger Autor war. Das musste ich erst einmal lernen, dass Vorarlberg so eine ausgeprägte eigene Identität hat. Das war eine neue Erfahrung für mich. Inzwischen habe ich es aber besser verstanden – was auch mit meiner Nähe zum Publikum zu tun hat. Ich bin froh über den Austausch und die Offenheit, die man dann doch vorfindet.
Wo siehst du dich in etwa 20 Jahren: Theater, bis es nicht mehr geht, oder einfach lange am Meer sitzen und guten Wein trinken?
Das ist eindeutig: Ich sitze am Meer mit einem guten Roséwein. Vermutlich in der Bretagne, einem meiner Lieblingsorte.
Stephanie Gräve, geb. 1968 in Duisburg, studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Philosophie. 1995 begann sie als Dramaturgin in Oberhausen, leitete von 1999 bis 2003 gemeinsam mit Johannes Lepper das Schlosstheater Moers und war anschließend Dramaturgin und Chefdramaturgin in Bonn. Es folgten Leitungspositionen in Basel und Bern. Zudem wirkte sie als Lehrbeauftragte, Jurorin und im Vorstand des Internationalen Theaterinstituts. Seit 2018 ist sie Intendantin des Vorarlberger Landestheaters.
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