Verbot – und weiter?
Foto Jeff Mangione
Australien hat es schon. In Österreich soll es ebenfalls kommen: ein Social-Media-Verbot für Jugendliche. Was nach einer klaren Antwort auf ein reales Problem mutet, ist aber vor allem eines: eine (vielleicht zu) einfache Lösung für eine komplexe Realität.
Von Naz Küçüktekin
Australien hat es schon. In Österreich soll es ebenfalls kommen: ein Social-Media-Verbot für Jugendliche. Was nach einer klaren Antwort auf ein reales Problem mutet, ist aber vor allem eines: eine (vielleicht zu) einfache Lösung für eine komplexe Realität.
Bis zum Sommer soll das sogenannte „Social-Media-Ordnungs-Gesetz“ (SMO) laut Medienminister Andreas Babler vorliegen. Kernpunkt ist eine Altersbeschränkung für die Nutzung von Apps wie Instagram, TikTok oder Snapchat. Welche Altersgrenze genau gelten soll und wie die Umsetzung aussehen soll, ist noch nicht bekannt. Kernziel sei es jedenfalls, Kinder und Jugendliche vor schädlichen Inhalten besser zu schützen. So weit, so nachvollziehbar.
Dass soziale Medien eine Brutstätte problematischer Inhalte sein können, ist kein Geheimnis. Auch nicht, dass Jugendliche dort viel Zeit verbringen. Laut aktuellen Umfragen sind sie im Durchschnitt 3,5 Stunden täglich am Smartphone. Vulnerable Gruppen wie Jugendliche davor schützen zu wollen, ist ein wichtiges Anliegen. Ob ein Social-Media-Verbot bis zu einem bestimmten Alter tatsächlich die Endlösung ist, als die sie aktuell verkauft wird, wage ich zu bezweifeln.
Natürlich gibt es Argumente für ein solches Verbot. „Kinder und Jugendliche befinden sich mitten in der Entwicklung von Selbstwert, Identität und sozialen Kompetenzen. Social Media verstärkt Vergleichspotenzial und konfrontiert mit problematischen Inhalten. Das kann belasten, vor allem wenn es unkontrolliert, zu früh oder zu intensiv genutzt wird“, betont etwa Beate Wimmer-Puchinger vom Berufsverband Österreichischer PsychologInnen gegenüber dem ORF. Ähnlich wie bei Alkohol, auch erst ab 16 Jahren erlaubt, könnte man sagen: Für die Nutzung sozialer Medien braucht es einen gewissen Entwicklungsstand, der erst ab einem bestimmten Alter gegeben ist.
Ähnlich wurde in Australien argumentiert, wo seit Ende 2025 ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren gilt. Doch genau dieses Beispiel zeigt bereits auch, wo ein solches Vorhaben scheitern kann. Es häufen sich Berichte darüber, wie Jugendliche das Verbot umgehen. Die steirische Kinder- und Jugendanwältin Denise Schiffrer-Barac wies gegenüber dem ORF darauf hin, dass Verbote gerade bei Jugendlichen das Gegenteil des Gewünschten bewirken können: „Weil Verbote gerade für Jugendliche auch eine gewisse Form von Anreiz sind.“
Verschiebung von Verantwortung und Kontrolle
Abgesehen von der technischen Umsetzung stellen sich aber auch grundsätzliche Fragen. Schädlichen Inhalten auf Social-Media-Plattformen sind wir alle ausgesetzt. Warum also ein Verbot nur für Jugendliche? Oder anders: Warum so tun, als wäre nur ihr Umgang mit Medien problematisch – und nicht ebenso der von Erwachsenen, Plattformen und politischen Rahmenbedingungen?
Jugendlichen etwas wegzunehmen, ist aus politischer Sicht vergleichsweise einfach. Strukturen für Medienkompetenz aufzubauen, Plattformen selbst stärker zu regulieren oder ihre Geschäftsmodelle in den Blick zu nehmen, ist deutlich schwieriger. Ein Social-Media-Verbot verspricht Schutz, verschiebt aber Verantwortung: weg von Plattformen und Politik – hin zu den Jugendlichen selbst.
Gleichzeitig verschiebt sich noch etwas anderes: Kontrolle. Um Altersgrenzen überhaupt durchzusetzen, braucht es technische Systeme, die die Userinnen und User überprüfen. Der europäische Dachverband für digitale Freiheitsrechte „European Digital Rights“ warnte bereits 2023 in einer Studie, dass solche Alterskontrollen nicht beim Jugendschutz bleiben. Wenn Identitäten überprüfbar werden müssen, geraten Privatsphäre, Datenschutz und auch die Meinungsfreiheit unter Druck. Ein Gesetz, das als Schutzmaßnahme verkauft wird, könnte also zugleich technische Strukturen schaffen, die eine generelle Überprüfung und Nachverfolgbarkeit erleichtern.
Und noch zu Australien: Wie es dort überhaupt zu dem Verbot kam? Ein starker Treiber war das Medienunternehmen „News Corp“. Die „Let them be kids“-Kampagne der Murdoch-Zeitungen startete nur wenige Tage nach der Ankündigung von Meta, den Nachrichtenbereich innerhalb der Facebook-App in Australien zu beenden. Kurz nachdem Meta australischen Publishern kein Geld mehr zahlte, folgte eine Kampagne zum Schutz der Kinder vor Social-Media-Plattformen.
Naz Küçüktekin ist seit 2018 als Journalistin tätig. Seit 2023 arbeitet sie als freie Journalistin. Sie ist Organisationsmitglied des Netzwerks „Klimajournalismus Österreich“ und Teil des „FYI-Kollektivs“. Mit den Vereinen „Lie Detectors“ und „Digitaler Kompass“ ist sie als Medientrainerin regelmäßig an Schulen unterwegs, um über Fake News aufzuklären.







