Die Stadt als Quelle von Geschichte(n)
Miriam Hamann. Foto Lena Prehal
Gleich mit mehreren Premieren kann das diesjährige Lichtkunstfestival „Lichtstadt Feldkirch“ aufwarten: Mit Andrea Möller hat eine international renommierte Kuratorin die künstlerische Leitung übernommen. Ihr Konzept: tief in die Geschichte des Ortes eintauchen und überraschende, aber naheliegende Kooperationen eingehen. Gemeinsam mit „Porsche Österreich“ hat sie sich außerdem einen festivaleigenen Förderpreis ausgedacht: Drei mit je 3.000 Euro prämierte Entwürfe zum Themenkreis „Mobilität und Geschwindigkeit“ werden heuer als „Porsche Headlights“ im nächtlichen Feldkirch leuchten. Von Carina Jielg
Wir führen unser Gespräch am Telefon. Andrea Möller weilt in Linz, bei der „Ars Electronica“. „Es ist großartig hier, sehr viele junge Menschen, unglaublich viele Veranstaltungen. Man besucht von früh bis spät Performances, Konzerte und Ausstellungen, und der Tag ist meist vorbei, bevor ich mir überlegen kann, was ich am nächsten sehen möchte“, sagt Möller. Andere Festivals besuchen, an Symposien teilnehmen, Kontakte zu Künstlerinnen und Künstlern pflegen, neu knüpfen, präsent bleiben im vielschichtigen, pulsierenden Kunstbetrieb – das gehört zum Aufgabenbereich einer darin tätigen Person. Andrea Möller verfügt über langjährige Erfahrung in der Programmierung von Medienkunstfestivals, eines der größten ist das „LUNA Leeuwarden“ in den Niederlanden. Außerdem über ein internationales Netzwerk.

Andrea Möller.
Foto Florian Raidt
All dies bringt Möller nun mit nach Feldkirch. „Als ich meine Stelle hier antrat, haben wir über die Ausrichtung des Festivals gesprochen und es wurde klar: Die Stadt ist die Quelle, aus der das Festival entspringt. Wir haben das in Themen übersetzt: Urbanität, die Geschichte der Stadt, ihre Einwohnerinnen und Einwohner, deren Geschichte und Geschichten. Das ist jetzt nicht zwingend vordergründig in jeder einzelnen Performance oder Installation ausgeschildert, aber es läuft doch wie ein roter Faden durchs Programm.“ Kompletten Freiraum habe man ihr als Kuratorin gelassen, einen Fixpunkt habe es aber gegeben: die Bespielung der Schattenburg mit der Alten Dogana. „Das ist gesetzt: An diesem Ort muss viel passieren, das Publikum erwartet hier Spektakuläres. Also habe ich nachgedacht, in meiner Datenbank nach Künstlerinnen und Künstlern gegraben und dann ist mir Robert Sochacki eingefallen. Ein polnischer Künstler, der immer groß arbeitet, mit viel Recherche und bunten Bildern, die gerade so weit vom Kitsch entfernt sind, dass sie eben nicht Kitsch sind“, lächelt Möller hörbar. „Alles, was Robert anpackt, wird zum großen Fest.“
Für seine „Feldkirch Stories – Der Besuch“ machte sich Sochacki auf die Suche nach Privatfotos aus der Bevölkerung. Zahllose wurden eingereicht, die nun 100 Jahre Stadtgeschichte neu lebendig werden lassen. Eine kollektive Gedächtnisarbeit als überdimensionale Videoprojektion. Weitere Besonderheit und Premiere für die Lichtstadt: Für die Soundscape zu dieser Zeitreise wurde eine Kooperation mit der Stella Musikhochschule eingegangen. Möller: „Eigentlich arbeitet Sochacki immer mit ihm bekannten Komponisten, doch da wir ja die Geschichte der Stadt erzählen wollen und es hier eine Musikhochschule gibt, wollten wir uns zuerst umhören, ob es nicht Studierende gibt, die Lust haben, sich da zu engagieren. Und es gibt sie. Das sind klassisch ausgebildete bzw. sich in klassischer Ausbildung befindliche Musikerinnen und Musiker, für die das Erarbeiten einer Soundscape allerdings völliges Neuland war. Im Kontext der Video- und Lichtkunst ist die Übersetzung eines Ortes in Klang etwas Übliches, das Sammeln von Geräuschen, diese mit anderen Soundquellen verbinden … Für die Studierenden jedoch war das eine ungewöhnliche Übung. Eine Herausforderung, die ich persönlich gut nachvollziehen kann, weil ich selbst viel Musik gemacht habe und klassisch ausgebildet wurde. Zentral ist das Spielen nach Noten und wenn man das verlassen muss, dann ist es zuerst eine mitunter anstrengende Aufgabe, mit dieser Freiheit umzugehen. Aber sie haben es großartig gemeistert und weil sie auch so meisterhaft spielen, wird es zur Eröffnung der Lichtstadt Feldkirch eben auch eine Live-Performance geben.“
Der Platz vor der Alten Dogana wird also zum audiovisuellen Tor in die „Lichtstadt Feldkirch“, die an zahlreichen Orten überraschende Projekte für das Publikum bereithält. Ein Haus wird zum Tanzen gebracht, eine Straße in eine Landschaft aus Licht verwandelt, in Installationen, etwa der großen österreichischen Künstlerin Brigitte Kowanz, wird Licht zur Sprache und Sprache zu Licht. Einmal entsteht eine Lichtarbeit erst durch aktive Mitarbeit des Publikums, ein anderes Mal wird eine gewohnte Lichtquelle, eine Straßenlaterne, in Bewegung versetzt und mit ihr durch die Dunkelheit gewandert. Die drei durch den eigens für die „Lichtstadt Feldkirch“ geschaffenen „Porsche Headlights“-Preis ausgezeichneten Arbeiten sind ebenfalls im Stadtraum verteilt. „Es war uns wichtig, dass sich diese Arbeiten wie selbstverständlich einreihen in die anderen Projekte der Lichtstadt.“
Mit der Ausschreibung wurden Arbeiten gesucht, die sich mit den Themen Mobilität und Geschwindigkeit auseinandersetzen. Die Jury konnte aus zahlreichen Einreichungen auswählen und kürte schließlich diese:
Die Lichtkunstinstallation „Swiftly and silently doing its work“ der in Wien lebenden Künstlerin Miriam Hamann macht jene technologischen Infrastrukturen sichtbar, die unsere Mobilität heute steuern: Satelliten, Funkwellen und Navigationssysteme. Was im Hintergrund unbemerkt geschieht, wird hier zur leuchtenden Chiffre einer Welt, die sich dauernd vernetzt. Hamann verwandelt diesen Zustand in ein poetisches Lichtbild.
Das Feldkircher Künstlerduo RatAess (Thomas A. Rauch und Alexander Ess) schafft in seiner Installation eine Hommage an den Porsche 911: Ein Spindschrank wird zur Medienkammer. Ein Video, das einen fahrenden Porsche 911 in der Dämmerung zeigt. Die Perspektive von oben, das Spiel aus Lichtkegeln, Geschwindigkeit und Bewegung verschmelzen auf neun Bildschirmen zu einer vertikalen Bewegung, die von einem Monitor zum nächsten springt. Eine dynamische Fahr-Erfahrung zum Sehen.



Die raumgreifende Lichtinstallation „VORTEX IV“ der Künstlerkooperative mutual loop (Martina Tritthart und Holger Lang) aus Wien zeichnet sich durch Lichtlinien aus Tausenden Metern Gummibändern aus. Zwei schwebende Metallrahmen verbinden diese Bänder, die in fast völliger Dunkelheit nur punktuell von unten beleuchtet werden. So entsteht die Illusion, dass sich die Lichtlinien in wechselnden Geschwindigkeiten und Mustern durch den Raum bewegen.
Die Vorfreude auf die „Lichtstadt Feldkirch“ ist bei Andrea Möller groß, fast ebenso groß ist ihre Neugier. „Ich habe viele Lichtfestivals an vielen Orten kuratiert – was an Feldkirch so anders ist, ist die Umgebung. Die Schönheit der Stadt. Die meisten meiner anderen Projekte finden ja an Orten statt, die eben gerade nicht schön sind. Da geht es darum, dass man einen hässlichen, vergessenen, ungeliebten Platz in ein anderes, neues Licht setzt und mit Kunst den Fokus verschiebt. Und jetzt Feldkirch, das ja von sich aus bereits so strahlt. Bei meinen ersten Spaziergängen abends durch die Stadt dachte ich: Oh Gott, das ist hier schon so schön, was kann man da noch machen? Und dann begann mich genau das zu reizen, ich habe angefangen, mich reinzudenken und mir vorzustellen, was an welchem Ort wie wirken könnte. Denn tatsächlich ist es so, dass diese Lichtstadt meine erste Lichtstadt werden wird. Ich feiere also mit ihr heuer meine Premiere.“
Lichtstadt Feldkirch
9.–12. Oktober 2025
Täglich ab 19.15 Uhr
lichtstadt.at
VORARLBERG Ausgabe






