„Aufgeben? Das gibt es nicht!“

Der Kärntner Jörg Schorn ist Künstler, Karikaturist, Illustrator und Werber. In seinem neuen Buch „Der Struwweldonald“ legt er sich mit dem mächtigsten Menschen der Welt an. Ein Gespräch über „Hanns-Guck-ins-Handy“ und „Zappel-Elon“. Text und Foto Wolfgang Paterno

„Kein Bild ohne Zerrbild, keine Idylle ohne trügerischen Hintergrund und kein Magnetismus ohne Abstoßung.“ Dieser Satz auf der Website von Jörg Schorn darf getrost als Motto des Grafikers, Malers, bildenden Künstlers, Cartoonisten, Zeichners und Werbers dienen. Schorn, 1966 in Klagenfurt geboren, arbeitete als Creative Director in diversen Werbeagenturen; seit zwölf Jahren ist er selbstständiger Texter und Grafiker in Wien. In „Der Struwweldonald“ erzählt und zeichnet er „nicht so lustige Geschichten in drolligen Bildern“ (Untertitel).

Jörg Schorn
Der Struwweldonald
Nicht so lustige Geschichten in drolligen Bildern
26 S., Favoritenpresse
ISBN-13-978-3-96849-169-1, 2025

Herr Schorn, Struwwelpeter wird in Ihrem neuen Buch zum „Struwweldonald“, benannt nach jenem New Yorker, der Anfang dieses Jahres zum zweiten Mal das amerikanische Präsidentenamt antrat. Hat sich Donald Trump bereits bei Ihnen gemeldet?
Jörg Schorn: Noch nicht, was wohl auch nie passieren wird. Trump hat bekanntlich deutsche Wurzeln, vielleicht kennt er sogar die Geschichte vom Struwwelpeter. Der US-Präsident, dem öffentliche Aufmerksamkeit bekanntermaßen alles ist, dürfte sich jedenfalls geschmeichelt fühlen.

„Nicht so lustige Geschichten in drolligen Bildern“ lautet der Untertitel von „Der Struwweldonald“. Welche Geschichten erzählen Sie?
Der Frankfurter Psychiater Heinrich Hoffmann erfand vor gut 180 Jahren Figuren wie Hanns Guck-in-die-Luft, Suppen-Kaspar und eben den titelgebenden Struwwelpeter. Die Herausforderung bestand darin, diese klassischen Gestalten nicht zwangsläufig mit aktuell handelnden Personen zu besetzen. Was Trump heute verkündet, gilt morgen oft schon nicht mehr. Was er hingegen in aller Konsequenz betreibt: Er schadet dem Gemeinwohl, indem er die demokratische Schwerkraft aufzuheben versucht. Im „Struwweldonald“ ist Tech-Milliardär und Trumps Ex-Bro Elon Musk übrigens der „Zappel-Elon“.

Wie muss man sich Hanns Guck-in-die-Luft in Ihrem Buch vorstellen?
Der „Hanns-Guck-ins-Handy“ ist eine Person, die ständig am Mobiltelefon hängt, alternative Medien rezipiert, keinesfalls die sogenannten Mainstream-Medien. Irgendwann fällt diese Person auf eine rechtspopulistische Social-Media-Plattform hinein – und wird im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser gezogen: Trumps Legende vom „Deep State“ lässt grüßen, jene Verschwörungstheorie vom geheimen Staat im Staat. Über die Figuren und die Handlungen im originalen Struwwelpeter versuche ich, einen Konnex zu Trumps Handeln und Denken herzustellen.

Textprobe aus „Der Struwweldonald“: „Wenn die Bürger Donald wählen, / kann er ihre Rechte stehlen. / Wenn sie ohne Aufbegehren / seine Meinungen verehren, / mögen, was er tut und treibt, / sich Vermögen einverleibt, / dann ist Donald heiter / und spielt munter weiter, / sein Spiel um Macht und Geld. / Gute Nacht, du arme Welt.“ Steht es wirklich so schlimm um uns?
Ja, weil man Autokraten wenig entgegensetzen kann, weil sie sich völlig einzementieren. Was sie jedoch am wenigsten aushalten, ist Satire. Da versteinern sie! Bereits 1941 erschien in Großbritannien die politische Parodie „Struwwelhitler“, um den Soldaten die Angst vor Hitler zu nehmen: „Struwwelhitler“, das ist auch nur ein Mensch, und nebenbei ein ziemlich unerträglicher. 2025 ist allenthalben die Autokratie in Mode, Demokratien werden torpediert oder gleich abgeschafft. Sich für das Gemeinwohl einzusetzen, ist derzeit das Mindeste, was Kunst leisten sollte. Insofern ist sie meine Waffe. Zeit also für den „Struwweldonald“!

Sie schreiben und zeichnen in „Der Struwweldonald“ gegen den mächtigsten Menschen der Welt an. Mit Buntstiften gegen politische Übermacht?
Ja, weil die Eitelkeit dieser Menschen so entgleist ist, dass sie jede Art von Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen und gut finden. Aufgeben vor der Macht? Das gibt es nicht!

Sie sind Grafiker, Maler, bildender Künstler, Cartoonist, Zeichner und Werber. Habe ich etwas vergessen?
Nein. Es gibt Berufe, mit denen man Geld verdient – um damit andere Dinge zu finanzieren. Nur von Kunst zu leben, war mir nicht möglich und, da ich vier Söhne habe, finanziell auch gar nicht angebracht. Sonst hätte irgendwas darunter gelitten, wahrscheinlich nicht allein das Taschengeld. Seit zwölf Jahren arbeite ich als selbstständiger Texter und Grafiker.

Eines Ihrer früheren Werke trägt den Titel „Wie viel Kitsch vertragen Sie heute?“ Wie viel davon ertragen Sie?
Sehr viel. Kitsch ist herrlich! Wenn es richtig wehtut – wunderbar: siehe Gartenzwerge und andere bunte Ensembles. Schlimm ist und bleibt das Mittelmaß, das etwas will und doch nichts kann. In einer von Kitsch völlig bereinigten Welt aufzuwachen? Undenkbar. Kitsch ist enorm wichtig, sei es in Form von Schlagermusik oder Gegenständen. Beim Kitsch ist übrigens immer Sozialvoyeurismus dabei. Also, Obacht! Man soll sich ja nicht leichtfertig über jene erheben, die ihre Vorgärten mit Gartenzwergen zupflastern.

Eine Skulptur mit goldenem Tennisspieler trägt den Titel „Es droht Sieg“.
Siege werden meist willkommen geheißen. Zugleich macht nichts einsamer als ein Sieg. Was kommt danach? Der Druck erhöht sich, die Fallhöhe. Die Nummer zwei ist immer der erste Verlierer. Siegen heißt schließlich immer, wen zu besiegen, egal ob im Sport oder im Alltag. Im Kapitalozän, in dem wir leben, zählt allein der Sieg. Trump ist der Prototyp dieses Kapitalzeitalters, er ist Autokrat und Kleptokrat. Einst wollte man mit diesen Bezeichnungen nichts zu tun haben, das war ein striktes No-Go. Trump schert sich dagegen einen Dreck. Mehr noch: Er sonnt sich in seinem Bösewicht-Image.

Was hat es mit dem „Nackenventil“ auf sich?
Mit diesem kann man sich selbst überschüssige Luft rauslassen. Viele blasen ihr Leben künstlich auf. Bei anderen wiederum fällt das Dasein in Falten zusammen, sobald ihnen die Luft ausgeht.

Offenbar spielen Sie im Atelier auch gern mit Plastiksoldaten.
Gegen jeden Nachhaltigkeitsgedanken beschloss ich vor Jahren, ein Heer aus Plastik zu ordern! Dazu bestellte ich in China eine Palette mit hunderttausend kleinen Spielzeugsoldaten, die ich in Bildern und Mosaiken verarbeitete, die idyllische Landschaften darstellen. Bei näherer Betrachtung sind es Wimmelbilder von Soldaten im Gefecht, die schiere Grausamkeit. Der Boden ist getränkt mit Blut.

Vertragen sich Werbung und Kunst?
Nein. Die Werbebranche betrachtet sich selbst gern als Kreativfach. Sie ist aber eine reine Produktivbranche. Werbung macht man für Geld. Es gibt Auftraggeber. Es gibt in Österreich im Grunde keine Werbung, die für sich den Anspruch erheben kann, Kunst zu sein.

Kommt man als gelernter Werber leichter durch den Konsum-dschungel?
Ich konsumiere wie jeder, versuche mich aber zu informieren. Darüber hinaus denke ich mir manchmal: „Wie können Menschen auf sowas reinfallen?“ Über Werbung zu reden finde ich langweilig, das ist vorbei. Werbung verführt inzwischen nur noch insofern, als man am Urlaubsziel ankommt und die Hotelanlagen plötzlich aus einem ganz anderen, viel ungünstigeren Winkel sieht als im Reiseprospekt. Für mich gilt in Sachen Werbung: Ich hadere nicht mit meinem Brotjob, Kreativität lebe ich aber woanders aus. Und die No-Gos beachten: Keine Werbung für Pelzmäntel, Atomkraft und Rechtsdenker.

Auf Ihrer Website findet sich der Satz: „Alles nur, um der Schwerkraft zu entkommen.“ Welchen Zustand streben Sie an?
Schwerkraft steht für die Endlichkeit. Die Schwerkraft zieht uns zu Boden, wo wir doch alle gerne fliegen würden, nichts als Leichtigkeit empfinden wollen. Aber, siehe da: Die Bad-News-Schichten türmen sich unaufhaltsam übereinander.

Am Ende wird uns alle die Schwerkraft herunterziehen. Wie den Tod werbetechnisch besser vermarkten?
Beispielsweise mittels Beerdigungsinstituten, die Lust aufs Sterben machen. „Himmelblau“ statt „Ewige Ruhe“. Der französische Dichter François Villon schrieb in seinem Buch „Das kleine Testament“: „Ich will Gesang, will Spiel und Tanz, will, dass man sich wie toll vergnügt, wenn man mich untern Rasen pflügt.“ Das ist auch mein Credo.


Teilen auf:
Facebook