„Fast Fashion unterscheidet sich kaum von einem Plastiksackerl“

Bild: Anna Greil. Foto Viktoria Kutsam

Die Tirolerin Anna Greil ist Co-Gründerin des Start-ups „Minimist“, das den Secondhand-Markt mit einer KI-gestützten App revolutioniert. Sie erklärt, warum Fast Fashion auf mehreren Ebenen problematisch ist und wie qualitätvolle Gebrauchtware nicht nur sichtbar wird, sondern auch Non-Profit-Organisationen unterstützt.

Von Sabina Zeithammer

Frau Greil, in der Kleidungsbranche gibt es zwei Pole: Fast-Fashion- und Secondhand-Konsum. Wann ist Ihnen dieser Kontrast bewusst geworden?

Anna Greil: Bis ich 20 Jahre alt war, habe ich selbst Fast Fashion konsumiert, und mir war überhaupt nicht bewusst, was daran schlecht sein könnte. Dann, 2020, hat mir ein Freund einen Artikel über die Modeindustrie geschickt, darüber, was dort alles schiefläuft. Ich war richtig geschockt, dass ich übersehen hatte, dass das ein Riesenthema ist!

In der Folge haben Sie das Start-up „Uptraded“ gegründet.

Genau. Ich habe mich intensiv mit dem Thema Modeindustrie beschäftigt, mit aktivistischen Organisationen wie Fashion Revolution, mit nachhaltigen Materialien und Fair Trade. Doch für junge Menschen ist ein Fair-Trade-T-Shirt um 50 Euro oft keine Option. So rückte Secondhand in den Fokus. 2020 haben wir „Uptraded“ gestartet. In den nächsten fünf Jahren habe ich dafür Kleidertausch-Netzwerke aufgebaut, zuerst vor Ort, dann auch online, mit einer Community von 20.000 Leuten im DACH-Raum.

Wie kam es zu Ihrem Einstieg bei „Minimist“?

Stephan Hofmann und Henrik Feldt haben „Minimist“ 2024 gegründet. Einer meiner Investoren hat vorgeschlagen, dass wir uns zusammentun. Stephan und Henrik kommen beide aus der Techbranche und waren sehr auf die technische Lösung fokussiert. Als ich Anfang 2025 eingestiegen bin, habe ich das Netzwerk, das Verständnis für die Zielgruppe und für den Markt mitgebracht.

Von wem und wo wird die App „Minimist“ aktuell verwendet?

Gerade arbeiten wir hauptsächlich mit Non-Profit-Organisationen zusammen, großteils in Großbritannien. Diese sammeln Kleidung in Containern, verkaufen sie in ihren Stores und finanzieren damit gemeinwohlorientierte Projekte, Hospize oder Forschung. Darüber hinaus nutzen auch andere Secondhand-Shops unsere App. Neben England haben wir Kundinnen und Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Was bietet die App ihren Nutzerinnen und Nutzern?

„Minimist“ ist dafür gedacht, größere Mengen von Secondhand-Gegenständen zu erfassen und auf Online-Marktplätzen anzubieten. Dazu zählen Möbel, Haushaltsartikel, Bücher, Autos, Elektronik, Schmuck, Spielzeug – und Kleidung, die etwa 80 bis 90 Prozent ausmacht. Konkret sieht das zum Beispiel so aus: Ein ehrenamtlicher Mitarbeiter einer Non-Profit-Organisation sortiert die gespendete Kleidung im Lager. Die Dinge, die online gestellt werden sollen, fotografiert er in der App. „Minimist“ erkennt die Gegenstände, ihre Kategorie sowie den Zustand und das Material, gibt ihnen einen Titel und fügt eine KI-generierte Beschreibung hinzu. Weiters schlägt die App – das ist das wichtigste Feature – einen Verkaufspreis vor, der auf Marktvergleichen beruht. Kleidung kann außerdem mithilfe von KI-generierten Avataren als „angezogen“ dargestellt werden. Dann werden die Daten ins System der Marktplätze hochgeladen, unter anderem auf eBay und Shopify.

Inwiefern revolutioniert die App den Secondhand-Handel?

Die große Herausforderung des Secondhand-Markts ist, dass man jeden Gegenstand nur einmal verkaufen kann. Im klassischen Einzelhandel kann ich ein Produkt, sagen wir, eine Million Mal verkaufen. Ich kann mir Zeit nehmen, eine gute Beschreibung zu finden, ein Kleidungsstück an einem Model zu fotografieren, und es überall online stellen. Im Secondhand-Bereich müssen diese Abläufe sehr viel effizienter sein. Mit „Minimist“ ist das möglich, auch weil wir großen Aufwand betreiben, um trotz Hightech im Hintergrund eine leichte Benutzbarkeit zu bieten. Die Personen, die unsere App verwenden, sind extrem divers, unser ältester User ist 83 Jahre alt.

Der Secondhand-Markt wächst. Was sind die Gründe dafür?

Einerseits gibt es ein größeres Bewusstsein für das Thema Nachhaltigkeit. Andererseits ist auch die Inflation ein Riesenfaktor und damit die Frage: Was kann ich mir leisten? Der dritte Punkt ist der technologische Fortschritt. Viertens ist es für viele Leute spannend, individueller zu shoppen, ihren eigenen Style zu finden.

Was sind zukünftige Herausforderungen im Secondhand-Markt?

Der Markt verändert sich aktuell stark. Ich glaube, dass er in fünf Jahren komplett anders sein wird. Ich sehe auch negative Entwicklungen: Es gibt zwar noch keine Monopole, aber es zentriert sich gerade alles sehr um einzelne Plattformen wie Vinted. Kapitalistische Zwecke setzen sich stärker durch. Eine weitere zukünftige Herausforderung ist die Qualität der Kleidung. Die Secondhand-Branche ist abhängig von gutem Input in das System. Je mehr qualitativ minderwertige Kleidung konsumiert wird, desto kleiner wird der Input, der weitergetragen werden kann. Fast Fashion, so wie sie heute produziert wird, unterscheidet sich von der Zusammensetzung her nicht stark von einem Plastiksackerl! Polyesterbasierte Kleidung setzt extrem viel Mikroplastik frei, allein beim Waschen. Und weil die Fasern so schlecht sind, ist sie nach kurzer Zeit abgetragen.

minimist App:
Erhältlich für iOS und Android.

Zurück zu „Minimist“. Künstliche Intelligenz verbraucht große Mengen an Ressourcen. Ist das ein Hemmschuh für Ihre Arbeit?

Wir sind uns voll und ganz bewusst, dass das Ressourcen verbraucht. Doch es kommt immer darauf an, wie man Technologie einsetzt. Der Nutzen überwiegt meiner Meinung nach bei Weitem: Im Vergleich zu einem neu gekauften T-Shirt spart man mit einem per App beworbenen Secondhand-T-Shirt 6,5 Kilogramm CO₂-Äquivalente ein. Und die Non-Profit-Organisationen machen mit unserer App viermal so viel Umsatz wie zuvor.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Secondhand-Bereichs?

Ich wünsche mir natürlich, dass der Bereich weiter wächst. Dass es noch mehr Innovationen gibt, die Secondhand-Konsum effizienter und einfacher machen. Dass der Markt dezentral bleibt. Dass Fair-Fashion-Brands, die in den vergangenen Jahren gekämpft haben, wieder zu Kräften kommen und guten Input liefern können. Grundsätzlich wünsche ich mir, dass Gegenstände wieder mehr wertgeschätzt werden. Dass die Menschen etwa Kleidung richtig pflegen, sie reparieren und wieder mit mehr Liebe behandeln. Und auch die soziale Komponente im Secondhand-Bereich ist mir sehr wichtig. Je intensiver wir mit den Non-Profit-Organisationen zusammenarbeiten, desto großartiger finde ich sie. Das sind die coolsten Leute überhaupt!


Anna Greil, geboren 1999 stammt aus der Nähe von Innsbruck. Sie studierte Wirtschaft und gründete 2020 das Start-up „Uptraded“. Damit baute sie eine Kleidertausch-Community mit 20.000 Mitgliedern im DACH-Raum auf. 2025 stieg sie als Co-Gründerin beim Start-up „Minimist“ ein, dessen KI-gestützte App das Erfassen von Secondhand-Produkten für Business-Kundinnen und -Kunden erleichtert.


TIPP

Gebrauchte Kleidung in gutem Zustand kann man u.a. folgenden Organisationen anbieten: Caritas, Volkshilfe, Humana, Rotes Kreuz, Frauenhäusern, lokalen Kleidertausch-Communitys. Wenn es keine Annahmestellen vor Ort gibt, sind Altkleidercontainer eine Alternative.


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