Geteilte Arbeit ist doppelte Freundschaft

Bild: Gemeinsames Essen mit den WWOOFern am Nirav Bio-Hof „La Casa Delle Acque“ in Italien. Foto WWOOF

Das Netzwerk WWOOF vermittelt ein neues Format von Gastfreundschaft auf Bio-Bauernhöfen. In Italien geht es dabei um Kochen, Essen und Ideale – oft auch gleichzeitig.

Von Lydia Stöflmayr

Von November bis April erntet Nirav jeden Donnerstag schon bei Sonnenaufgang mit den Helferinnen und Helfern von WWOOF Blutorangen in seinem Bio-Orangenhain auf Sizilien. Freitags sind Zitronen und Avocados dran, samstags Mandarinen. Am Horizont kräuselt sich die Rauchfahne des Vulkans Ätna.

Sonntags werden die frisch geernteten Bio-Erzeugnisse in bunte, duftende Boxen gepackt, die dann am Montag europaweit verschickt werden – auch nach Deutschland und Österreich. Viele Menschen bestellen dazu Olivenöl, eingelegte Oliven oder sonnengetrocknete Feigen. Bei jedem Arbeitsschritt helfen die Freiwilligen von WWOOF.

WWOOF: World Wide Opportunities on Organic Farms – man könnte meinen, das sei Working Holiday am Bio-Bauernhof. Dabei sind die sogenannten WWOOFer weder Arbeitende noch auf Urlaub, und sie sind trotzdem hoch motiviert und finden Zeit für Entspannung. So erklärt mir das Fabrizio Romagnoli, der für WWOOF Italien arbeitet. WWOOF ist ein internationales Netzwerk, doch jede Nation hat eine eigene Organisation, die Freiwillige in Kontakt mit den Bio-Höfen des jeweiligen Landes bringt. Hofleute und Freiwillige zahlen einen Mitgliedsbeitrag, für Italien sind das 40 Euro pro Jahr; damit kann man innerhalb eines Jahres uneingeschränkt im Mitgliedsland WWOOFen. Der Einsatz erfolgt an fünf oder sechs Tagen in der Woche oder nach Absprache. Der Bio-Hof stellt Schlafplatz und drei Mahlzeiten.

Was sich wie eine Transaktion anhört, ist in Wirklichkeit viel mehr. Es menschelt sehr bei WWOOF. Drei Mitwirkende habe ich für diesen Artikel interviewt: Fabrizio Romagnoli von WWOOF Italien, Laura Jousten, WWOOFerin und Mitarbeiterin von WWOOF Deutschland, und den sizilianischen Bio-Landwirt und WWOOF-Gastgeber Nirav. Sie alle teilen einen Enthusiasmus für Werte, die über mathematische Berechnungen hinausgehen.

Die bessere Welt der Bio-Orangen
Als ich mit Nirav spreche, hat er gerade einen harten Tag hinter sich. Der stärkste Sturm seit Jahren ist über die süditalienische Insel gefegt, und eine Wasserpumpe ist ausgefallen. Er freut sich, dass die chinesische WWOOFerin Ami zum Mittagessen Brokkoli aus dem Bio-Gemüsegarten auf chinesische Art zubereitet hat, während er mit den Reparaturen beschäftigt war: „Richtig schön bissfest war der, mit Sojasoße, lecker! Das können wir Italiener nicht. Ich zerkoche Brokkoli immer.“

Nicht nur seinen kulinarischen Horizont erweitert der Landwirt, die Menschen aus dem Ausland sind in jeder Hinsicht eine Bereicherung für ihn und seine biologische Landwirtschaft La Casa Delle Acque. Er ist viel gereist, den indischen Namen Nirav hat sich der gebürtige Sizilianer selbst ausgesucht. Er bedeutet „Stille“. Denn eigentlich sollte auf dem drei Hektar großen Anwesen ein Zentrum für Meditation und Seminare entstehen. Dann verlangte die Natur jedoch, gehört zu werden. Die Zitrushaine und die Olivenbäume wollten bewirtschaftet werden, der fruchtbare Boden nahe des Ätna bestellt. Das funktionierte dank der Mithilfe der WWOOFerinnen und WWOOFer.

„Der Austausch von Erfahrung und Wissen war fundamental. Mir wurde bewusst, dass ich auch mit Bio-Landwirtschaft die Welt verändern kann, solange ich nur genug Einsatz mitbringe. Und dass mich die Natur mir selbst viel näherbringt, als es Worte je könnten. Diese Erkenntnis an die Jungen weiterzugeben, hat mich dazu bewegt, das Projekt über Jahre weiterzuführen.“

20 Jahre sind vergangen, Nirav lädt nur noch Menschen auf seinen Bio-Hof ein, die länger bleiben wollen. Schließlich bräuchten alle ein paar Tage Eingewöhnungszeit und sollten nicht schon wieder abreisen, wenn sie endlich richtig angekommen seien. Den halben Tag gemeinschaftlich zu arbeiten, reicht so für den Bio-Hof aus, um wirtschaftlich stabil zu sein. Wenn mehr Leute da sind und viel Energie vorhanden ist, können auch neue Ideen umgesetzt werden. Vor allem ermöglicht die Mithilfe der Freiwilligen es, sehr sanfte landwirtschaftliche Methoden anzuwenden, die noch nachhaltiger als Bio-Standard sind und auf den Einsatz von Maschinen teilweise verzichten.

Hände, Herz, Hof
Viele WWOOFerinnen und WWOOFer helfen auch gerne mehr mit, als eigentlich abgemacht ist. Wer WWOOFen geht, will etwas lernen, mehr über Land und Leute erfahren oder auch über bestimmte Techniken in der Bio-Landwirtschaft. „Manche Freiwillige haben das klare Ziel, selbst in die Bio-Landwirtschaft einzusteigen“, erzählt Fabrizio Romagnoli von WWOOF Italien. Im Gegensatz zu vergleichbaren Organisationen akzeptiert WWOOF überall auf der Welt nur Bio-Höfe als Gastgeber, auch wenn diese nicht zwingend zertifiziert sein müssen. „Die Freiwilligen sind die besten Kontrolleure, die kontaktieren uns sofort, wenn ein Host Praktiken anwendet, die nicht zum biologischen Anbau passen.“

40 WWOOF-Volontärinnen und -Volontäre in ganz Italien kontrollieren auch persönlich, ob sich die knapp 900 italienischen WWOOF-Höfe an die Richtlinien halten. Dazu gehören auch schwer messbare Kriterien, wie die Einbindung in den familiären Alltag der Hosts: Die über 8.000 Freiwilligen, die jedes Jahr in Italien WWOOFen, sollen mindestens einmal am Tag gemeinsam mit ihren Gastfamilien essen. Nicht nur der ökologische Anbau, die Herstellung der Lebensmittel und die Zubereitung der Mahlzeiten haben in Italien einen hohen Stellenwert. Gemeinsam zu essen, gehört zur italienischen Kultur, und die soll ebenso vermittelt werden wie die Prinzipien des biologischen Landbaus.

Vom Olivenbaum zur Weltpolitik
Das hat auch Laura Jousten so erlebt. Vor gut zwei Jahren kam die ehemalige Museumskuratorin aus Berlin zum ersten Mal als WWOOFerin auf einen Bio-Hof auf Sizilien. Weil sie sich fürs Kochen begeistert, wollte sie mehr über den Olivenanbau und die italienische Lebensweise erfahren. Viele neue Kenntnisse, eine lange Liste an Rezepten und echte Freundschaften hat sie von ihrer Reise mitgebracht. Jedes Jahr besucht sie nun ihre sizilianische Gastfamilie aufs Neue.
WWOOFen hat ihren Horizont erweitert: „Alle meine schönsten Erwartungen haben sich erfüllt und wurden sogar übertroffen. Jeden Abend haben wir gemeinsam gekocht und gegessen, die Wertschätzung von Lebensmitteln und traditionellen Rezepten hat mich beeindruckt. Gleichzeitig habe ich nach dem persönlichen Kontakt jetzt sehr großen Respekt vor Landwirten und Landwirtinnen und vor dem, was sie leisten. Als WWOOFerin war das Leben für mich aufregend: Ich mag die körperliche Arbeit, und alles zum ersten Mal zu machen, war stimulierend. Durch den engen Austausch durfte ich aber miterleben, wie viel Arbeit, Verantwortung und auch wie viel Fürsorge in nachhaltiger Landwirtschaft stecken. Von der Klima-krise oder von politischen Entscheidungen sind die Hofleute sowohl wirtschaftlich als auch emotional direkt betroffen. Niemand betreibt eine solche Landwirtschaft, um Profite zu erzielen, da steckt viel inspirierender Idealismus drin.“ Vom Olivenbaum bis zur Weltpolitik scheint der Schritt klein zu sein.
Dass ihr Einsatz als WWOOFerin ihr Leben in vielerlei Hinsicht nachhaltig verändern würde, hätte Laura Jousten bei ihrer ersten Sizilien-Reise nicht vermutet. Die Erfahrung hat sie so sehr geprägt, dass sie heute selbst bei WWOOF Deutschland arbeitet. 


WWOOF International
Gegründet: 1971 in England (Gründerin:
Sue Coppard)
Weltweit: in rund 130 Ländern aktiv
Netzwerk: ca. 12.000 Bio-Höfe (Hosts) weltweit
Internationale Community: ca. 100.000 WWOOFerinnen und WWOOFer
Info: wwoof.net

WWOOF Independents
In über 90 Ländern ohne nationale Organisation ist WWOOFen ebenfalls möglich.
Info: wwoofindependents.org

WWOOF in Österreich
Seit: 1996
Höfe: über 300 Bio-Höfe in allen
Bundesländern
Mitgliedsbeitrag: ab 25 EUR/Jahr für WWOOFerinnen und WWOOFer, 30 EUR/Jahr für Bio-Höfe
Mindestalter: 15 (mit österreichischer Staatsbürgerschaft), 18 (aus dem Ausland
Kinder bis 15 in Begleitung gratis
Info: wwoof.at

WWOOF in Zukunft
Interessierte können sich direkt im Wunschland anmelden. Innerhalb des nächsten Jahres soll es aber auch möglich sein, mit einer einzigen Mitgliedschaft in mehreren Ländern zu WWOOFen.


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