Mein Wunsch
Foto David Vogt
Von Valentin Thurn
Ich wünsche mir eine Zukunft, in der die Menschen mehr Besinnung finden. In der sie nicht von einem vermeintlichen Fortschritt getrieben werden oder von einem Algorithmus. Die digitalen Medien sind scheinbar nützlich und gaukeln uns mehr Effizienz vor. Doch Effizienz macht nur dann wirklich Sinn, wenn wir uns selbst auch im Klaren darüber sind, was wir eigentlich wollen, in welche Richtung wir gehen. Die praktischen Algorithmen hingegen sind ja nicht von unseren Wünschen geprägt, sondern letztendlich von finanziellen Interessen. Doch wollen wir unsere Zukunft einer Geldmaschine überlassen?
Wie entstehen eigentlich visionäre Ideen für eine bessere Zukunft? Das habe ich mich in meinem Film „Träum weiter!“ gefragt. Ich bin fünf Menschen gefolgt, die an irgendeinem Punkt ihres Lebens beschlossen haben, etwas ganz Neues anzufangen. Für mich erstaunlich war, dass sie ganz unterschiedliche Beweggründe hatten. Auch waren es ganz unterschiedliche Momente, in denen die neuen Ideen entstanden waren, manche durch ein plötzliches Ereignis wie eine Krankheit, andere reiften über viele Jahre. Doch allen Personen gleich war, dass sie eine ziemlich kompromisslose Haltung entwickelten, den neuen Weg auch gegen Widerstände zu beschreiten. Denn es gab viele Widerstände von außen, Gegner und Skeptikerinnen, mit Argumenten von „Das funktioniert doch nicht“ bis „Das ist gegen die Gesetze“. Doch noch eine Gemeinsamkeit gab es bei allen fünf Visionärinnen und Visionären: Ihr Umfeld trug ihre Ziele mit. Sie mussten ihren Weg also nicht alleine gehen, die Menschen um sie herum unterstützten sie. Das war genau genommen nicht immer so, am Anfang zögerten auch viele. Doch ihre kompromisslose Haltung überzeugte immer mehr, zog die anderen mit.
Ein gutes Beispiel ist Van Bo Le-Mentzel. Der Architekt aus Berlin träumt davon, dass Wohnen ein Menschenrecht ist, dass bezahlbarer Wohnraum für alle verfügbar ist. Doch er arbeitete in einem Job, bei dem er Luxusgüter auf Messen präsentierte. Er selbst war von der Sinnhaftigkeit dieser Arbeit überhaupt nicht überzeugt, aber wagte es nicht, einfach zu kündigen. Erst als seine Frau schwanger wurde, begann er zu überlegen, dass er doch für sein Kind zu einer besseren Welt beitragen wollte. Doch die Sicherheit aufgeben? Er kündigte zunächst halb, ein Testballon, der zeigen sollte, ob er auch ohne feste Anstellung genug Aufträge generieren könnte. Es klappte immer besser, sodass er schließlich ganz kündigte.
Und sich dem Design von Tiny Houses widmete. Van Bo perfektionierte die optimale Aufteilung auf engstem Raum. Doch Tiny Houses sind offiziell nicht als Wohnraum zugelassen, können also nicht beitragen zur Verwirklichung seines Traums. Van Bo begann deshalb, mit Institutionen wie Ikea oder der Urania zu kooperieren, die ihm gestatteten, Tiny Houses vor ihren Gebäuden abzustellen. Die Bewegung nahm Fahrt auf, bis in Hannover sogar eine ganze Siedlung für Tiny Houses gegründet wurde.
Doch das Problem des leistbaren Wohnraums war damit nicht ansatzweise gelöst. Van Bo entwickelte deshalb ein neues Konzept für das Studentendorf in Berlin-Schlachtensee: ein mehrstöckiger Neubau, in dem die Wohnungen selbst winzig klein sind, in Tiny-House-Größe, dazwischen Gemeinschaftsflächen, die auf jedem Stockwerk ein Wohnzimmer und eine Gemeinschaftsküche umfassen, Flächen der Begegnung für die, die dort wohnen und die zu Besuch sind. Zwar hat sein Konzept „Co-Being-Haus“ nicht ansatzweise die gleiche Bekanntheit erlangt wie die Tiny Houses. Vielleicht ist dieser neue visionäre Wohntyp einfach vor seiner Zeit. Aber allein schon die Idee beflügelte die Fantasie vieler Architektur-Studierender.
Was ist das Besondere an Menschen wie Van Bo? Eigentlich ist er eher bescheiden und zuvorkommend, gar kein Karriere-Typ. Aber wenn er an eine Idee glaubt, dann wirbt er dafür, egal ob sie Ruhm oder Geld einbringt. Und startet öffentliche Aktionen, auf der Straße, erst mit seinem Freundeskreis, dann mit allen, die sich mitreißen lassen. Also eigentlich ist das Besondere, dass er darauf vertraut, andere irgendwann überzeugen zu können. Nach dem Motto: einfach immer weitermachen.
Der Produzent und Regisseur Valentin Thurn wurde international bekannt mit den Dokumentarfilmen „Taste the Waste – die globale Lebensmittelverschwendung“ (2011) und „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“ (2015). Parallel dazu erschienen die Bücher „Die Essensvernichter“ (2011) und „Harte Kost“ (2014). Mit seiner Produktionsfirma ThurnFilm GmbH realisierte er in den vergangenen 20 Jahren über 60 Dokumentationen, vor allem für ARD, ZDF und ARTE, sowie einige internationale Koproduktionen. Er war Gründungsvorsitzender der „International Federation of Environmental Journalists“, des Foodsharing e.V., des Kölner Ernährungsrats und ist Vorstandsmitglied der „AG DOK – Berufsverband Dokumentarfilm“ sowie Mitglied der Deutschen Filmakademie.






