One Health: Gesund essen, bewusst konsumieren
Gesundheit betrifft nicht nur den Menschen allein. Sie entsteht im Zusammenspiel mit Tieren und Ökosystemen. Im zweiten Teil unserer Serie zum One-Health-Ansatz schauen wir deshalb auf nachhaltige Ernährung und bewussten Konsum als wichtige Bestandteile globaler Gesundheitsstrategien und lassen uns von Experten wie Kurt Schmidinger, Willi Haas und Peter Klimek Perspektiven aufzeigen, wie ein gesünderes und gerechteres System aussehen kann.
Von Judith Lorenzon
Wie wir essen und konsumieren, wirkt sich nicht nur auf unseren Körper aus. Jeder Einkauf, jede Mahlzeit und jede Entscheidung im Kleiderschrank beeinflusst – direkt oder indirekt – die Gesundheit anderer. Meist sind diese Zusammenhänge nicht offensichtlich: Wer denkt beim leckeren Frühstücksei schon an Antibiotikaresistenzen oder beim schicken neuen Pullover an schädliche Chemikalien in Flüssen? Doch was wir nicht sehen, hat dennoch reale Folgen: Ernährung und Konsum gehören zu den stärksten Treibern ökologischer und gesundheitlicher Krisen. Gleichzeitig bieten sie aber auch wichtige Hebel für Veränderung, wie Mag. Dr. Kurt Schmidinger, Geophysiker und Lebensmittelwissenschaftler bei „Future Food Austria“, erklärt.
Gesundheit auf dem Teller
Unsere tägliche Ernährung hat weitreichendere Folgen als vielen bewusst ist. „Es gibt eine Vielzahl an gesundheitlichen Risiken aus dem Ernährungssystem für uns Menschen“, erklärt Mag. Dr. Kurt Schmidinger. „Bekannt sind direkte gesundheitliche Risiken durch zu viel (tierisches) Fett, zu viel Zucker, ein Zuviel an Kalorien usw. Dazu kommen Lebensmittelvergiftungen – von Salmonellen bis Listerien.“ Doch das sei nur ein Teil des Problems. Zunehmend rücken auch die weniger sichtbaren, dafür umso weitreichenderen Folgen unserer Ernährungsweise in den Fokus: Dazu zählen Antibiotikaresistenzen durch industrielle Tierhaltung, das Risiko neuer Pandemien oder die Rolle der Landwirtschaft beim Klimawandel durch hohen Flächenverbrauch, Regenwaldrodung und Methanemissionen als Folge der Viehzucht. „Beim Thema Klima kommt der Landwirtschaft eine Doppelrolle zu“, so Schmidinger. „Sie verursacht den Klimawandel mit – und ist zugleich besonders betroffen von seinen Folgen.“
Risiken der industriellen Tierhaltung
Ein zentrales Problem stellt die industrielle Tierhaltung, besser bekannt als Massentierhaltung, dar. „Industrielle Tierhaltung macht Tiere in vielfältiger Weise krank – darüber kann man Bücher schreiben“, sagt Mag. Dr. Kurt Schmidinger und nennt exemplarisch Klauenverletzungen bei Schweinen durch Beton-Vollspaltenböden oder Lungenentzündungen durch Güllegase in überfüllten Ställen. Die Auswirkungen auf Menschen sind zwar weniger einschneidend, aber immer noch beträchtlich: Sie leiden unter der belasteten Luft oder am mit Nitrat verseuchten Grundwasser. Gleichzeitig steigt mit dem massiven Einsatz von Antibiotika die Gefahr resistenter Keime. „Weltweit werden 70 bis 80 Prozent der Antibiotika in der Nutztierhaltung eingesetzt – weit mehr als in der Humanmedizin. Klar erhöht das die Chancen, dass Bakterien Resistenzen bilden“, erklärt Schmidinger. Die Folge: Medikamente, die im Ernstfall nicht mehr wirken.
Langfristig, warnt er, führe die derzeitige Form der Fleischproduktion in eine ökologische und gesundheitliche Sackgasse. Was müsste also passieren, damit die Ernährungspolitik einen gesunden Kurs einschlägt? Für uns selbst, für Tiere, für den Planeten? „Wir müssten mit Traditionen brechen – das scheint im Ernährungsbereich eine echte Challenge zu sein“, so Schmidinger. Offene Debatten, politische Rahmenbedingungen, wirtschaftliche Anreize und eine Gesellschaft, die bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, sind nötig, um den Wandel anzustoßen und unsere Zukunft zu sichern.
Mode mit Nebenwirkungen
Auch die Kleidungsproduktion hat eine Schattenseite: Was wir tragen, ist nämlich längst Teil einer globalen Wertschöpfungskette, in der Umweltbelastungen, soziale Ungerechtigkeiten und Gesundheitsrisiken eng miteinander verflochten sind. „Nur um das deutlich zu machen: Meine Schätzung ist, dass 89 Prozent der Textilien in Österreich importiert werden“, erklärt Willi Haas, Diplom-Ingenieur vom Institut für Soziale Ökologie, BOKU University. „Die Produktion ist also sehr gering – und dann wird ca. die Hälfte von Import und Produktion wieder exportiert.“ Was mit der übrigen Kleidung geschieht, bleibt oft im Dunkeln.
Dabei beginnt die Problematik nicht erst am Ende der Lieferkette, sondern bereits beim Herstellungsprozess. In der konventionellen Textilproduktion kommen zahlreiche Chemikalien wie etwa Bleichmittel, Färbemittel, Flammschutz- und Imprägnierstoffe zum Einsatz. Viele davon gelten als toxisch für Mensch und Umwelt. Besonders schwierig: Die Produktion findet meist in Ländern statt, in denen Umwelt- und Arbeitsschutzstandards deutlich niedriger sind als in Europa, mit direkten Folgen für die Gesundheit der Arbeiterinnen und Arbeiter sowie die Ökosysteme vor Ort.
Ein zukunftsfähiges Textilsystem müsste genau hier ansetzen: Bei einer fairen, ökologischen Produktion, die Kreisläufe schließt, den Chemikalieneinsatz minimiert und auf Langlebigkeit statt Wegwerfmentalität (Stichwort Fast Fashion!) setzt. Auch politische Maßnahmen wie strengere Importauflagen und Transparenzpflichten könnten dazu beitragen. Doch: „Importbeschränkungen wären möglich, wenn sie auch die heimische Produktion betreffen“, so Haas – rechtlich also kein einfacher Weg.
Globale Wege, globale Folgen
Ob Lebensmittel, Medikamente, Kleidung oder Elektronik – fast alles, was wir konsumieren, hat bereits viele Tausende Kilometer zurückgelegt, bevor es bei uns landet. „Lieferketten sind die Lebensadern unserer Gesellschaft“, sagt Peter Klimek, Komplexitätsforscher und Professor am „Supply Chain Intelligence Institute Austria“. „Sie spiegeln wider, was wir wie konsumieren und produzieren.“ Besonders bei Lebensmitteln und Medikamenten zeigt sich der Gesundheitsbezug klar. Weniger direkt, aber trotzdem spürbar für die Gesundheit sind die Folgen von Pestizideinsatz, langen Transportwegen oder ausgelagerten Produktionsprozessen. Ein echtes Problem in diesem Zusammenhang ist hier die sogenannte „Nimby-Mentalität“, erklärt Klimek: „So profitieren wir in Europa von günstigen Preisen, während anderswo Böden ausgelaugt, Gewässer belastet oder Arbeiterinnen und Arbeiter toxischen Chemikalien ausgesetzt sind.“
Doch nicht nur Umwelt- und Sozialstandards sind betroffen – auch die Versorgungssicherheit ist gefährdet. Ein Beispiel: Antibiotika. „Oft werden lebenswichtige Medikamente nur noch in einer Handvoll Fabriken weltweit hergestellt. Das macht Lieferketten extrem anfällig“, warnt Klimek. Kommt es zu Engpässen, müssen Alternativen eingesetzt werden, mit dem Risiko zunehmender Antibiotikaresistenzen. Ein weiteres Problem: die mangelnde Transparenz. Laut Studien kennen nur sechs Prozent der Unternehmen ihre gesamte Lieferkette. Die Komplexität globaler Netzwerke macht es demnach schwer, Missstände wie Verstöße gegen Umwelt- oder Sicherheitsstandards in weiter entfernten Gliedern rechtzeitig zu erkennen und dementsprechend dagegen zu handeln.
Wie also kann eine gesunde, faire und ökologisch tragfähige Lieferkette gelingen? Klimek sieht vor allem drei Schlüssel: Transparenz, Kreislaufwirtschaft und klare politische Rahmenbedingungen. „Wenn wir nachhaltiger und sicherer konsumieren wollen, wird das mehr kosten – und wir müssen gesellschaftlich bereit sein, diesen Preis zu bezahlen.“ Erste Positivbeispiele gibt es bereits: von zirkulären Produktionsmodellen in der Landwirtschaft über elektrifizierte Recyclingprozesse in der Industrie bis hin zu regionalen Lieferstrukturen.
Gesundheit geht uns alle an
Ob auf dem Teller, im Kleiderschrank oder entlang globaler Lieferketten – alles hinterlässt Spuren. Die One-Health-Perspektive macht deutlich: Nur wenn wir die Zusammenhänge ernst nehmen, können wir die großen Krisen unserer Zeit bewältigen. Doch unser Alltag spielt sich nicht nur im Supermarkt oder vor dem Kleiderschrank ab. Auch dort, wo wir wohnen, arbeiten und leben, entscheidet sich unsere Gesundheit – in Städten, auf dem Land und zunehmend unter dem Einfluss einer sich verändernden Umwelt. Im kommenden Teil unserer Serie richten wir daher den Blick auf Klima, Urbanisierung und Lebensräume und beantworten die Fragen: Wie beeinflusst die Gestaltung unserer Städte unsere Gesundheit – und wie kann sie zu einem Schlüssel für nachhaltige Veränderung werden?





