Algen als Material derZukunft

Bild: Maartje Dros und Eric Klarenbeek im Foyer des IDFA-Gebäudes in Amsterdam, das vom „Light Catcher“ beleuchtet wird. Das Lichtobjekt besteht aus im Labor gezüchteten, heimischen Algen und Seegras. Foto Bernard Kalu


Im IDFA-Gebäude am Amsterdamer Vondelpark hängt seit knapp zwei Jahren ein Lichtobjekt aus Algen. Entworfen vom niederländischen Designstudio „Klarenbeek & Dros“, reagiert der „Light Catcher“ auf Tageslicht, verändert sich im Lauf der Zeit und stellt damit wichtige Fragen an Material, Produktion und Dauerhaftigkeit.

Von Nadine Pinezits

Das Licht im Foyer des IDFA-Gebäudes („International Documentary Film Festival Amsterdam“) verändert sich ständig. Je nach Tageszeit und Wetter fällt es anders durch die großen Fenster. Dazwischen hängt eine besondere Lampe, das diese Veränderungen nicht ausgleicht, sondern verstärkt. Der „Light Catcher“ des niederländischen Designstudios „Klarenbeek & Dros“ wurde speziell für den monumentalen Eingangsbereich entworfen. Das Objekt über dem Treppenraum besteht aus rund 60 bis 80 modularen Elementen und erinnert an einen Unterwasser-Tangwald, 3D-gedruckt aus einem biobasierten Algenmaterial. Tageslicht, Glühbirnen und innere Reflexionen sorgen dafür, dass sich Farbe und Wirkung im Lauf des Tages wandeln. Diese dynamische Lichtwirkung ist nicht nur ästhetisch, sondern macht die Materialität des Objekts auf subtile Weise erlebbar.

Maartje Dros und Eric Klarenbeek arbeiten seit vielen Jahren an Projekten, die Materialforschung, Produktion und Design verbinden, und benutzen häufig Rohstoffe, die man im Designkontext selten sieht. Ihr Interesse gilt weniger der Form als dem Weg dorthin. „Wir starten meist beim Material“, sagen sie, „und bei der Frage, wo es herkommt, wie es wächst und was nach der Nutzung damit passiert.“ Diese Herangehensweise setzt bei den Grundlagen an: Biologie, Chemie und physikalische Eigenschaften werden zu Bausteinen für Gestaltung. Mikroorganismen, Mineralien, Pigmente, all das wird zu einem Materialexperiment, das gleichzeitig Funktion und Ästhetik vereint. „Wir arbeiten oft mit Materialien, die noch nicht standardisiert sind, was den Entwurfsprozess spannend und herausfordernd macht“, sagen die beiden.

Material, das lebt
Der „Light Catcher“ besteht aus „Weedware“ (niederländisch: „Wierwaar“), einem Material, das Klarenbeek und Dros selbst entwickelt haben. Grundlage dafür sind einheimische Algen und Seetang. Das Material ist vollständig biologisch. „Wir verwenden jedoch keine wild geernteten Algen. Das ist unter anderem deswegen problematisch, weil man natürliche Bestände schnell übernutzt, Ökosysteme stört und langfristig die Artenvielfalt gefährdet“, betonen die beiden Designschaffenden. „Wir arbeiten mit einem Labor in der Nähe von Amsterdam, das einheimische Arten kultiviert.“ Der Prozess beginnt mit der Auswahl lokaler Algenarten. Diese werden in kleinen Mengen entnommen und im Labor weiter vermehrt. Dort wachsen die Algen über mehrere Monate unter kontrollierten Bedingungen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überwachen Temperatur, Licht und Nährstoffversorgung, sodass die Kulturen stabil bleiben.

Nach der Laborkultivierung finden die Algen auf Seilen im Meer ihren Platz, wo sie bis zur Ernte heranwachsen. Danach werden sie zu einem biobasierten Polymer weiterverarbeitet, das für den 3D-Druck geeignet ist. Verschiedene Mikro- und Makroalgenarten werden in diesem Prozess kombiniert, um ein Spektrum an Farben und Lichtreflexionen zu erzeugen. Einige Pigmente reagieren dabei empfindlich auf UV-Licht und verändern sich mit der Zeit. Ein Problem? Rein gar nicht: „Wir möchten, dass Menschen sehen, wie Bio-Materialien arbeiten, sich verändern, altern“, sagt Maartje Dros. Die Veränderungen seien Teil der Materialgeschichte, die das Objekt erzähle. Eric Klarenbeek ergänzt: „Man beginnt mit grünen Algen und endet vielleicht bei goldenen. Farbe darf verblassen, Material darf sich verändern, Verfall ist okay.“ Nicht zuletzt, um diese Veränderung sichtbar zu machen und gleichzeitig langlebig zu bleiben, entschied sich das Design-Duo für einen modularen Aufbau ihres Objekts: Jedes der 60 bis 80 Elemente kann einzeln ersetzt, neu kombiniert oder recycelt werden, ohne dass das Gesamtkunstwerk Schaden nimmt. Gedruckt wurde ressourcenschonend, Abfall fiel kaum an. So entsteht ein Lichtobjekt, das sowohl die Herkunft und Verarbeitung des Materials erzählt als auch den ökologischen Gedanken in die Gestaltung integriert.

Die Zukunft des Bauens: organisch, modular, biomaterialbasiert
Die Arbeit mit Algen eröffnet neue Wege für Architektur und Design. „Seetang ist nicht nur dekorativ“, erklärt Klarenbeek. „Er verbessert die Akustik, schafft ein organischeres Raumgefühl und reguliert Luftfeuchtigkeit – in letzterem ist Seetang sogar besser als Holz.“ Klarenbeek und Dros arbeiten mittlerweile an Projekten, bei denen 3D-Druck, Robotik und KI mit Bio-Materialien kombiniert werden. Vorstellbar sind Gebäude, die modular wach-
sen, sich verändern und sich an das Klima anpassen. In einer Zeit, in der Bauprozesse immer noch stark standardisiert und materialintensiv sind, könnten solche Ansätze ein Umdenken bewirken, weg von synthetischen, energieintensiven Rohstoffen hin zu organischen, lokal hergestellten Lösungen. Der Großteil der Bauindustrie ist nämlich nach wie vor sehr traditionell – gerade in den Niederlanden –, aber es gibt Menschen, die weiterdenken. „Durch Projekte im öffentlichen Raum können wir Wissenschaft, Gestaltung und Bildung miteinander verbinden“, erklärt Dros. Der „Light Catcher“ zeigt nicht zuletzt, dass nachhaltige Materialien sichtbar, erlebbar und funktional sein können. Er lädt dazu ein, über die Zukunft unseres Umgangs mit Ressourcen nachzudenken und zu verinnerlichen, dass Veränderung nicht Verlust bedeutet, sondern ganz neue ästhetische Möglichkeiten eröffnen kann.


Maartje Dros und Eric Klarenbeek führen ein niederländisches Designstudio, das Materialforschung, 3D-Druck und nachhaltige Innovation miteinander verbindet. dotunusual.com


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