I want to ride my Buffalo
Bild: Die „Buffalo Bikes“ sollen die Menschen empowern und ihnen Unabhängigkeit und Selbstständigkeit ermöglichen.
Fotos World Bicycle Relief
Von Matthias Köb
Seit fast 20 Jahren produziert „World Bicycle Relief“ die sogenannten „Buffalo Bikes“. Mit einem gewöhnlichen Radhersteller hat die internationale Hilfsorganisation aber nicht viel zu tun. Denn ihre Räder gehen in infrastrukturell schwache Regionen, in denen es oft kaum andere Transportmittel gibt. Einfache Fahrradmobilität ermöglicht den Menschen dort Zugang zu Bildung, Jobs und Gesundheitsversorgung. Und verändert so das Leben von Millionen.
Menschen, die gerne und viel Rad fahren – egal ob sportlich oder im Alltag –, haben oft eine ganz besondere Beziehung zu ihrem Rad. Schon große Denker der Geschichte wussten es zu schätzen. Albert Einstein soll die Relativitätstheorie eingefallen sein, während er auf einem Rad saß, und Mark Twain sagte einst: „Besorg Dir ein Fahrrad. Wenn Du lebst, wirst Du es nicht bereuen.“ Auch heute ist das Rad für viele mehr als ein Fortbewegungsmittel oder Sportgerät, es ist Lebenseinstellung und Leidenschaft zugleich. Nicht selten hört man den Satz, dass das Radfahren das Leben verändert habe. Und wenn man diesen Rad-Fans zuhört, mag das für sie sogar stimmen. Jedoch auf einem ganz anderen Level als für jene Menschen, die mit einem Rad von „World Bicycle Relief“ (WBR) unterwegs sind.

Mit den Rädern können mehr Waren transportiert werden – und so höhere Umsätze erzielt werden.
Die Entstehungsgeschichte von WBR geht auf den verheerenden Tsunami im Indischen Ozean im Jahr 2004 zurück. Gemeinsam mit anderen Partnern aus der Fahrradbranche hatte F.K. Day, Co-Gründer des weltweit bekannten Bike-Komponenten-Herstellers „SRAM“, Gelder gesammelt, um Betroffenen zu helfen. Day reiste gemeinsam mit seiner damaligen Frau Leah Missbach Day nach Sri Lanka, um sich mit Hilfsorganisationen vor Ort zu vernetzen und zu schauen, wie die Gelder am besten eingesetzt werden könnten. „Dabei ist F.K. klar geworden: Was diese Menschen wirklich brauchen, was ihnen langfristig helfen kann, ist Zugang zu Mobilität“, so Lena Kleine-Kalmer, Sprecherin von WBR. Denn viele Menschen, die ins Landesinnere umgesiedelt wurden, wollten so schnell wie möglich zurück in ihre Dörfer, um diese wieder aufzubauen. „Da war unglaublich viel Motivation da, aber sie hatten keine Möglichkeiten, die Distanzen zu überwinden und Material zu transportieren“, erklärt sie. So entstand die Idee, mit den Spendengeldern Fahrräder zu kaufen und diese über lokale Hilfsorganisationen an die Bevölkerung zu übergeben. Und an dieser Stelle hätte die Geschichte planmäßig eigentlich wieder enden sollen – hätte nicht F.K. Day nach relativ kurzer Zeit einen Wirkungsbericht der Hilfsorganisationen erhalten. Dieser zeigte: Die Räder brachten die Menschen und die gesamte Region unglaublich voran. „Damit einher kam dann die Ermutigung: Hey, könnt ihr euch vorstellen, das im größeren Stil zu machen? Denn es gibt unzählige Menschen, insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent, die keinerlei Zugang zu Mobilität haben“, so Kleine-Kalmer. So wurde 2005 die Organisation gegründet und 2006 das erste Fahrradprogramm in Sambia gestartet.
Heute, 20 Jahre später, ist WBR in sieben Ländern mit eigenen Programmen tätig und hat knapp 900.000 Fahrräder ausgeliefert. Doch im Vergleich zur Hilfsaktion nach dem Tsunami geht die Arbeit mittlerweile weit über das Sammeln von Spendengeldern und Liefern von Fahrrädern hinaus: Die Organisation entwickelt eigene Fahrräder, die „Buffalo Bikes“, sowie Programme für Mobilität. Die Räder wurden von Top-Ingenieuren und -Ingenieurinnen mit jahrelanger Erfahrung speziell für die Bedürfnisse dieser Zielgruppe entwickelt, mit der sich zuvor noch niemand in der Fahrradindustrie auseinandergesetzt hatte. Das Ergebnis: Die Räder sind vor allem robust und wartungsarm. Zudem wird in den jeweiligen Regionen eine Infrastruktur aufgebaut, die sich selbstständig erhält und weiterentwickelt.
Die Arbeit von WBR beginnt mit der gezielten Auswahl der Programmregionen: „Als Erstes machen wir eine Bedarfsanalyse vor Ort. Die erfolgt immer gemeinsam mit Menschen aus den Gemeinden und auch Organisationen, die bereits in der jeweiligen Region tätig sind. Wir wollen herausfinden, wie groß der Impact unserer „Buffalo Bikes“ sein kann und in welchen Sektoren sie eingesetzt werden können“, so Kleine-Kalmer. Gleichzeitig geht es aber auch um geografische Fragen. „Die Räder müssen in den Regionen funktionieren. Wenn es irgendwo nur steinige und steile Wege gibt, macht es keinen Sinn“, erklärt sie. Der gesamte Prozess dauert mehrere Monate.

Wer ein Rad erhält, entscheiden die „Bicycle Supervisory Committees“ –
bestehend aus Einheimischen.
In allen Regionen, in denen WBR aktiv ist und sein wird, arbeitet die Organisation mit sogenannten „Bicycle Supervisory Committees“. Diese setzen sich aus Dorfältesten, Lehrpersonen, Eltern oder auch Gesundheitspersonal zusammen und übernehmen die Implementierung vor Ort. „Die Mitglieder des Committees kennen die Menschen und Gegebenheiten vor Ort am besten“, sagt Kleine-Kalmer. Das Komitee entscheidet also, wo die Räder eingesetzt werden, wer ein Rad erhält und auch, wer als Mechaniker oder Mechanikerin ausgebildet wird. Letzteres ist ein wichtiger Aspekt des Programms. WBR selbst betreibt in den Programmländern Montagestätten, in denen die Buffalo-Räder – von einheimischen Angestellten – zusammengebaut werden. Die Wartung erfolgt durch selbstständige Mechaniker und Mechanikerinnen vor Ort. „Sie werden von uns ausgebildet – auch im Hinblick auf eine Grundausbildung in Buchhaltung und Marketing – und sind in weiterer Folge auch direkt in Kontakt mit uns, beispielsweise für die Bestellung von Ersatzteilen. Sie arbeiten aber komplett selbstständig. Dadurch, dass wir mehrere hundert „Buffalo Bikes“ in die Region ausliefern, haben sie praktisch ein garantiertes Business. Manche haben es auch geschafft, sich ein kleines Team von eigenen Mechanikern und Mechanikerinnen aufzubauen“, so Kleine-Kalmer.

Die Räder sind robust und wartungsarm.
Die Struktur von WBR ist also so aufgebaut, dass man sich langfristig selbst überflüssig macht in den Regionen und die Bikes und die Infrastruktur darum unabhängig funktionieren. „Es gibt diesen Terminus ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘“, sagt Kleine-Kalmer. „Das klingt manchmal ein bisschen platt, aber im Grunde ist es der Kern unserer Arbeit. Die Räder sollen die Menschen befähigen oder ‚empowern‘ und Unabhängigkeit und Selbstständigkeit ermöglichen.“

Die Wartung übernehmen selbstständige Mechanikerinnen und Mechaniker, die von WBR ausgebildet werden.
Um zu verdeutlichen, welche Wirkung die „Buffalo Bikes“ in solchen Regionen haben, ermuntert Kleine-Kalmer zu einem kleinen Gedankenexperiment: „Stellen Sie sich vor, Sie müssten all Ihre Alltagswege zu Fuß absolvieren – egal ob Sie Waren ausliefern, zur Schule oder zur Arbeit müssen, Bedürftige pflegen oder was auch immer. Unsere gesamte Zeit und Energie würde konsumiert, um von A nach B zu kommen, oder wir würden die Wege schlichtweg nicht gehen.“ In manchen Regionen ermöglichen die „Buffalo Bikes“ hunderten Kindern, täglich die Schule zu besuchen, in anderen liegt der Fokus auf der Gesundheitsversorgung. „In manchen Communities ist die Gesundheitsversorgung fast zur Gänze von Ehrenamtlichen abhängig, die Medizin ausliefern oder die Grundversorgung sichern. Die müssen zu weit entfernten Haushalten manchmal 10 bis 15 Kilometer laufen pro Strecke. Wenn du dafür ein Rad zur Verfügung hast, kannst du natürlich viel mehr Menschen erreichen.“ Aber auch wirtschaftlich können die Räder ein Gamechanger sein, beispielsweise für Produzenten und Produzentinnen, die dank der Räder deutlich mehr Waren zum Markt bringen können und so ihr Einkommen steigern. Die „Buffalo Bikes“ verändern also wirklich das Leben der Menschen – und zwar nicht nur von jenen, die sie selbst nutzen. Oder um es mit einem weiteren Zitat zu sagen, von Mike Sinyard stammend, Gründer der amerikanischen Bike-Marke „Specialized“: „Zeigen Sie mir ein Problem dieser Welt und ich gebe Ihnen das Fahrrad als Teil der Lösung.“
Weitere Informationen: worldbicyclerelief.org







