Kavita Parmar, eine radikale Visionärin
Bild: Kavita Parmar, Foto Bernardo Doral
Die Inderin Kavita Parmar ist eine der radikalsten Figuren aus dem globalen Süden im aktuellen Diskurs um Textilkultur und nachhaltige Wirtschaftsweisen. Jedes Jahr findet das von ihr mitbegründete Festival „XTANT“ auf Mallorca statt, mit dem sie Gleichgesinnte zusammenbringen und jahrtausendealte Textiltraditionen erhalten will. Von Claudia Richter
Ein weiterer Skandal erschüttert derzeit die Modebranche: Das traditionsreiche italienische Label „Loro Piana“, das seit jeher für hochwertige, natürliche Stoffe und Quiet Luxury steht, muss sich die Beobachtung der Mailänder Behörden gefallen lassen. Der Vorwurf: Das Label habe seine hochpreisigen Kleidungsstücke „made in Italy“ unter unethischen und illegalen Bedingungen von chinesischen Subunternehmen im Raum Mailand anfertigen lassen. Manche sehen einen Zusammenhang mit der Tatsache, dass die Marke im Jahr 2013 zu 80 Prozent vom französischen Luxusmarken-Konglomerat LVMH aufgekauft wurde und dadurch zunehmend unter Gewinnmaximierungsdruck steht. Die Geschäftsphilosophie bei „LVMH“ lautet wie überall: Wachstum und mehr Konsum. Genau das ist auch das Problem, das Kavita Parmar umtreibt: Auf Podien und in Podcasts betont sie den grundlegenden Unterschied zwischen traditionellen zirkulären Wirtschaftsweisen, wie sie die Menschheit über Jahrtausende gepflegt hat, und der Logik des modernen Kapitalismus, die mit wirklicher Nachhaltigkeit im Grunde nicht vereinbar ist. Ihre Vision: eine Rückbesinnung auf unsere Wurzeln, auf das Persönliche, auf Gemeinschaft und menschliche Werte – und auf das Handgemachte: „Wir können so viel vom Kunsthandwerk lernen“, so Parmar, die heute in Madrid lebt. „Ich bin fest davon überzeugt, dass das Artisanale (das Handwerkliche, Anm.) uns den Weg in die Zukunft weist.“ Parmar hat sich einen Namen gemacht als Pionierin in Sachen Rückverfolgbarkeit in der Modebranche. 2010 setzte sie ein Zeichen gegen Fast Fashion: Mit ihrem Projekt „IOU“ (= I owe you, „Ich schulde dir“) verhilft sie traditionellen Weberinnen und Webern sowie Schneiderinnen und Schneidern zur Sichtbarkeit. Lange bevor er weltweit Verbreitung fand, setzte sie den Hashtag #whomademyclothes. Ihr Ziel ist es, den Menschen, die unsere Kleidung mit ihren eigenen Händen anfertigen, ihre Würde zurückzugeben. Überhaupt geht es Parmar darum, den Begriff des Wertes und der Würde menschlicher Arbeit zurückzugewinnen, der uns im Industriezeitalter und im neoliberalen Turbokapitalismus zunehmend droht verloren zu gehen. „Arbeit muss Freude machen“, so Parmar, die selbst dankbar ist, eine Aufgabe gefunden zu haben, die ihr Sinn, Glück und Gemeinschaft vermittelt. Sie berät Labels, die radikal nachhaltig produzieren wollen, und verfügt über ein weltweites Netzwerk aus traditionell arbeitenden Textilproduzenten.

XTANT
Kavita Parmar ist Ästhetin und hat in der Fotografin und Kulturstrategin Marcella Echavarría aus Kolumbien eine kongeniale Partnerin gefunden. Zusammen haben sie das Festival „XTANT“ gegründet, das seit 2021 jährlich auf Mallorca stattfindet. „XTANT“ bedeutet im Englischen so viel wie „noch existierend“ – also etwas, das überlebt hat und (noch) nicht ausgestorben ist, genau wie die textilen Handwerkstraditionen und dazugehörigen Lebensweisen, für die das Festival Plattform und Katalysator sein will. Echavarría, die auch bei namhaften Modemagazinen als Redakteurin gearbeitet hat, berät Hotels in Sachen Nachhaltigkeit und Design und verfolgt ein eigenes Modeprojekt mit dem Namen „Noir Mud Silk“, das auf eine alte bäuerliche Tradition der Seidenherstellung in China rekurriert und mit dem sie auch auf der „XTANT“ vertreten ist. Für beide ist Ästhetik eine quasi-spirituelle Angelegenheit: „Schönheit wird die Welt retten“, zitiert Parmar gerne den russischen Schriftsteller Fjodor Dostojewski.

Die barocken Innenhöfe der mallorquinischen Herrenhäuser Can Vivot und Can Balaguer werden von der Stadt Palma zur Verfügung gestellt und bieten eine erhabene Kulisse für die Ausstellungen, Workshops und Gespräche. Handverlesene Meisterweberinnen und -weber, unter anderem aus Indien und Südamerika, und international renommierte Textil- und Designkünstlerinnen und -künstler aus den Metropolen der westlichen Moderne stellen hier gemeinsam aus. Obwohl die Moderne ja eigentlich einem anti-traditionellen, anti-spirituellen und pro-industriellen Kurs verpflichtet ist, finden sich zunehmend Vertreterinnen und Vertreter der künstlerischen und philosophischen Avantgarden, die Parmars und Echavarrías Philosophie teilen und weiterspinnen. Ein interdisziplinäres Leadership-Programm begleitet die „XTANT“ und versammelt Teilnehmende aus Design, Technologie, Landwirtschaft und Kunst mit dem Ziel, Zukunftsperspektiven für Textilien, Gemeinschaft und Wirtschaft jenseits linearer Modelle zu entwickeln. In der Vergangenheit war die indische Ökofeministin und Saatguthüterin Vandana Shiva als Expertin geladen. Die Lifestyle-Ikone und Trendforscherin Li Edelkoort ist bekennende Unterstützerin.

Parmars Denkanstöße sind radikal, weil sie uns zu nichts Geringerem zurückführen als zu den vormodernen Wurzeln der Menschheit. Als Vertreterin des globalen Südens hat sie weniger Hemmungen als viele Vordenkerinnen und Vordenker im Westen, die industrielle Revolution als Grundübel zu benennen oder das Handwerk als ernst zu nehmende und zukunftsweisende Kunstform zu begreifen. Obwohl sie sich damit gegen herrschende (westliche) Narrative stellt, durfte sie im vergangenen Jahr eine Ausstellung in Palmas Museum für zeitgenössische Kunst „Es Baluard“ kuratieren. Das Motto der „XTANT 2025“ war „Huaca“ – ein Inka-Wort für heilige Orte und Objekte. Sie war der sinn- und identitätsstiftenden Bedeutung von Textilien im Kontext von Ritualen und religiösen Zeremonien gewidmet. Es gibt neuerdings auch den Podcast „LOVE THY WORK – XTANT Talks“, und auf der Festival-Website kann man die Texte mit Manifest-Charakter nachlesen:
„Textilien sind Sprache. Fäden wurden dazu verwendet, um Individualität, Status, Glauben, Gemeinschaft und vor allem Diversität auszudrücken (…). Diese Sprache wurde infolge der industriellen Revolution vollständig gekapert. Antonio Pasquali erinnert uns daran, dass ‚die Fähigkeit zu kommunizieren der Gesellschaftsbildung inhärent ist. Demzufolge führt jede Modifizierung oder Kontrolle von Kommunikation zu einer Modifizierung oder Kontrolle der Gesellschaft selbst.‘ Wir schlagen deshalb vor, die Kontrolle über die Sprache zurückzugewinnen und uns die Sprache der Textilien zurückzuholen.“ (Übersetzung der Autorin)
xtant.io
Kavita Parmar ist eine in Indien geborene Unternehmerin, Designerin und Aktivistin, die heute in Madrid lebt und weltweit tätig ist. Früh geprägt von internationalen Erfahrungen, widmet sie ihr Schaffen dem Erhalt traditioneller Textilhandwerke. Bereits mit 19 Jahren stieg sie als Partnerin in ein Unternehmen ein und baute später erfolgreiche Modemarken wie „RAASTA“ und „SUZIE WONG“ auf, die global vertrieben wurden. Nach der Finanzkrise 2008 gründete sie das „IOU Project“, um Transparenz, Nachhaltigkeit und die Wertschätzung handgefertigter Produkte in der Modebranche zu fördern. Ihr Fokus liegt dabei stets auf den Geschichten und der Arbeit der Kunsthandwerkerinnen und -werker, besonders in Indien.







