„Es gibt keine geraden Wände, aber dafür Charme“
Belebte Straßen, offene Plätze, vielfältiges Angebot – die Revitalisierung der Innenstadt von Hohenems ist eine Erfolgsgeschichte. Neben kulturellem Engagement und historischem Kern sind es auch die eigentümergeführten Geschäfte, die das Flair des geschichtsträchtigen Städtchens ausmachen. Von Magdalena Venier
„Schubertiade“, Jüdisches Museum, „Arche Noah“, „emsiana“ und vieles mehr – Hohenems ist weithin bekannt für sein kulturelles Angebot und seine bewegende Stadtgeschichte. Aber nicht nur dafür: In der revitalisierten Innenstadt trifft jahrhundertealte Bautradition auf moderne Stadtentwicklung, dörfliche Struktur auf urbanes Lebensgefühl. Von der Harrachgasse über das Jüdische Viertel zum Schlossplatz und über die Marktstraße zum neuen „RathausQuartier“: Das Erwachen aus dem Dornröschenschlaf beschreibt der Volksmund mit „Es hat sich gemacht“ – ein „Schmuckkästchen“, wenn man die aktuelle Fähncheninstallation in der Marktstraße befragt. Dort in der „Gass“ fing es 2009 an: Die Stadtspange, die Umfahrung der Innenstadt, machte den verwahrlosten Zustand des Baubestands erst recht sichtbar. Wo zuvor der Schwerverkehr die historische Straße hinaufdonnerte, herrschte plötzlich Stille und Leere.
Revitalisierung mit Bedacht
Kurz gesagt: Was der Innenstadt fehlte, waren die Menschen. Rund 200 der circa 17.000 Emserinnen und Emser lebten zu diesem Zeitpunkt dort. Heute hat sich die Zahl vervierfacht, zusätzlich sind mehr als 165 neue Arbeitsplätze entstanden – ein Erfolg, der auf der gelungenen Zusammenarbeit zwischen Stadt, Bevölkerung, Denkmalamt und nicht zuletzt Markus Schadenbauer mit seinem „Büro für Projekt- und Quartierentwicklung“ fußt.
Dieser kaufte einzelne sanierungsbedürftige Häuser, machte die historische Bausubstanz in Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz wieder nutzbar – nach und nach – und finanziert durch ein eigens entwickeltes Investorenmodell, das Sanierung und Einzelhandel zusammendenkt. Investiert in die Belebung der Innenstadt haben auch zahlreiche alteingesessene Betriebe, wie etwa „Weirather Uhren-Schmuck-Optik“, „Greber hörensehen“ oder der „Landgasthof Hirschen“ – sie alle glaubten an den Erfolg der Revitalisierung.


Parallel wuchs das Wohnen mit: Rund um die Innenstadt verdichten Wohnblöcke, hinter der geschlossenen Fassade der Marktstraße entstand neuer Wohnraum in zweiter und dritter Bautiefe – geplant von Bernardo Bader, Georg Bechter, Hein Architekten und einigen mehr. Und der öffentliche Raum dazwischen? Der war Sache der Stadt Hohenems, die hier nicht nur in einen, sondern in vielfältigste Aspekte investierte: in Maßnahmen zur Beruhigung des Verkehrs, in Kurzparkzonen, die zentral gelegene Parkplätze für Kundschaft verfügbar machen, oder in den Bebauungsplan zum Erhalt der historischen Baustruktur.
Dazu die Gestaltung von Plätzen, Straßen – besonders auch die Durchwegung. Private Zäune und Tore wurden weggenommen, Wege auch auf privatem Grund errichtet, Plätze mit Brunnen und Bäumen gestaltet – all das weckt die Neugier, durch die gepflasterten Straßen zu schlendern, Abkürzungen durch die schmalen Gassen zu nehmen, um das zu entdecken, was dahinterliegt. „Weil der öffentliche Raum heute nicht nur durch Gestaltung, sondern auch durch Zugänglichkeit und Aufenthaltsqualität überzeugt, wird er wieder aktiv genutzt – und genau das kommt bei den Menschen gut an“, sagt Stadtplaner Bernd Federspiel.
Das gemeinsame Vorgehen so vieler Akteure entwickelte eine Dynamik. Die zügige Revitalisierung so vieler historischer Häuser im Zentrum und die Aufwertung des öffentlichen Straßenraums motivierten und führten zu einem Domino-Effekt: Zahlreiche private Eigentümer zogen nach und sanierten und reinvestierten in ihre eigenen Objekte – im Ausmaß des Möglichen: von der Komplettsanierung bis zum frischen Fassaden- oder Fensteranstrich.
Inzwischen sind über 40 Gebäude allein von „Schadenbauer Projekt- und Quartierentwicklung“ saniert, nachverdichtet und neu errichtet. Mit der kürzlichen Fertigstellung des „RathausQuartiers“ und der Eröffnung des Literaturhauses im April 2025 ist ein weiterer Baustein in der Belebung der Hohenemser Innenstadt geschafft.


Rendering Thomas Knapp
Kreative und mutige Geschäftsideen
Mittendrin verfolgte ein Geschäft das Aufblühen der Innenstadt: Daniela Eiterer war eine der ersten Unternehmerinnen in der Marktstraße, seit 2015 betreibt sie ihr „Frida“, ein Café mit Unverpacktladen. Die Atmosphäre erinnert an eine Greißlerei, die Produktpalette ist biologisch und regional, dazu ein kleines vegetarisches Tagesmenü. „Meine Geschäftsidee und ich wurden in Hohenems mit offenen Armen empfangen. Und das zu einer Zeit, als vieles noch eine Vision war. Ich fand den perfekten Platz, zentral gelegen und vor allem mit Garten“, blickt sie auf ihre Anfangsphase vor 10 Jahren zurück.
Das „Frida“ ist eines von vielen kleinen Geschäften und Restaurants, die in den Erdgeschossflächen der Marktstraße und Harrachgasse angesiedelt sind. Dabei handelt es sich überwiegend um Neugründungen: „Man könnte Hohenems als ‚Gründerzentrum‘ für Kleinhandwerk, Handel und Gastronomie in Vorarlberg bezeichnen“, schmunzelt Markus Schadenbauer, der zum großen Teil für die Kuratierung verantwortlich zeichnet. Ein Vorteil für die Junggründerinnen und -gründer, denn „wir alle haben mit ähnlichen Herausforderungen zu tun – und das verbindet. Hier herrscht ein Miteinander statt Gegeneinander“, so Daniela Eiterer.

Foto Stadtmarketing Hohenems

Fotos Stadtmarketing Hohenems
Wer Filialen großer Ketten sucht, sucht vergeblich – das Hauptaugenmerk liegt auf eigentümergeführten Betrieben, bei denen die Persönlichkeit im Vordergrund steht. Die Fokussierung ist auch dem Umstand der sehr kleinen Häuser geschuldet, die in der Marktstraße gerade einmal zwischen 8 und 12 Meter breit sind. „Ein Filialist fordert eine entsprechende Raumhöhe, Lüftung, Technik, große Schaufenster – all das können diese Häuser nicht. So haben wir aus der Not eine Tugend gemacht“, erzählt Markus Schadenbauer. Hierfür brauche es Mieterinnen und Mieter, die damit umgehen und „aus dem vermeintlichen Nachteil einen Vorteil machen können. Es gibt keine geraden Wände, aber dafür Charme.“
Regionalität, Qualität, Einzigartigkeit – das zeichnet die Geschäfte aus. Die Namen auf den Ladenschildern sind ein Versprechen und geben ihnen ein Gesicht: Wer hier einkauft, spricht mit Kevin von „Kevino’s Weinhaus“, Mario von „Mario’s Bike“ oder Karin von „Karin Glatthaar beauty & cosmetic“ und nicht mit einer anonymen Marke. Hier ist der Inhaber der Geschäftsführer und zugleich der Verkäufer bzw. die Inhaberin die Geschäftsführerin und die Verkäuferin: direkte Ansprechbarkeit, Handschlagqualität und Beratung durch jene, die die Verantwortung tragen. „Hier stehen die Chefinnen und Chefs in den Geschäften“, bringt es Daniela Eiterer auf den Punkt.
Die Stadt der Unternehmerinnen
Und vor allem Chefinnen: Die Unternehmerschaft besteht zu einem hohen Anteil aus Frauen, vor allem im Handel. Eine von ihnen ist Karin Mangold mit ihrem Unterwäschefachgeschäft „Senso“ in der Harrachgasse. Seit 2006 führt sie das ursprünglich in Rankweil ansässige Geschäft, für das sie einen neuen Standort suchte. „Wichtig war mir ein Lokal im Rheintal – der Stammkundschaft wegen. Hohenems erwies sich als Glücksfall: die Lage, die Geschäftsgröße, die besondere Atmosphäre und eine Nachbarschaft voller Gleichgesinnter“, berichtet sie.
Aber auch in der Marktstraße, in der im 16. Jahrhundert Handwerk und Handel angesiedelt waren, kommt mit dem kreativen Engagement der Frauen das Kleinhandwerk zurück: Hier kann man etwa der Goldschmiedin Anna Waibel bei der Arbeit zusehen oder Yvonne Amann im Blumengeschäft „Viola“ beim Arrangieren von Sträußen. Bei „Sonia mit i“ berät die Kosmetikexpertin persönlich zu nachhaltiger Kosmetik sowie Kleidung und bei „Fräulein Amann“ finden Kundinnen und Kunden hochwertige Schreib- und Spielwarenhandel wie etwa „waelderspielzeug“ von Hemma Metzler aus dem Bregenzerwald.
Ein zukunftsweisendes Konzept
Bauherrenpreis (2023), Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit (2024), Wüstenrot-Preis (2025) – um nur einige der Auszeichnungen zu nennen, die die Revitalisierung der Innenstadt erhalten hat. In der Fachwelt wird sie als Vorzeigebeispiel für nachhaltige Stadtentwicklung gehandelt, das auf großes Interesse stößt. Auch die Vermittlung ist ein Anliegen, dem Markus Schadenbauer sowie Stadtplaner Bernd Federspiel und sein Team unter anderem mit Stadtführungen entsprechen, mit denen sie die Revitalisierung seit über 10 Jahren begleiten. „Was am Ende selbstverständlich wirkt, ist oft das Ergebnis komplexer Detailarbeit. Ohne Vermittlung bleiben diese Prozesse unsichtbar“, so Bernd Federspiel.
Abgeschlossen ist die Revitalisierung noch nicht, es braucht noch mehr Frequenz, die auch gern besuchte Betriebe wie etwa das international angehauchte „Café Bardeli“ und die „Copain French Bakery“ mit ihren französischen Köstlichkeiten bringen. Nächste Schritte? Eine Secondhand-Boutique vielleicht. Auch das Schaffen von Wohnraum ist ein wesentliches Ziel der Innenstadtentwicklung – für Menschen, die im Zentrum konsumieren, einkaufen und Dienstleistungen in Anspruch nehmen, alles in fußläufigen Distanzen.

VORARLBERG Ausgabe





