Lebende Designs
Bild: Die „Biocouture-Bag“ wuchs aus lebenden Organismen heran. Foto Emma van der Leest
Designerin Emma van der Leest stellt Produkte mithilfe von Bakterien, Pilzen und Algen her. Ihre Designs wachsen und sind lebendig. Wie geht das? Und wozu der ganze Aufwand?
Von Katrin Brahner
Wenn die holländische Designerin Emma van der Leest über ihre Arbeit spricht, rümpfen viele erst einmal die Nase. Denn dann geht es um Bakterien, Pilze oder Algen, die wachsen, sich vernetzen, Schichten und Formen bilden. „Oft ist die erste Reaktion von Unbehagen geprägt. Viele denken an Schimmel auf dem Brot oder im Badezimmer“, sagt van der Leest. „Das ändert sich jedoch schnell, wenn ihnen bewusst wird, dass genau diese Organismen für Brot, aber auch Bier, Wein und Käse unverzichtbar sind. Selbst in unserem eigenen Mikrobiom sind Bakterien ein zentraler Bestandteil.“

Eine der wichtigsten Stimmen im Bereich Biodesign: Emma van der Leest.
Foto Sarah Tulej
Van der Leest macht sich diese lebenden Organismen zunutze und lässt daraus Produkte wachsen. Biodesign nennt sich dieser Ansatz. „Es ist eine Art zu gestalten, bei der mit dem Leben selbst gearbeitet wird. Statt sich ausschließlich auf industriell hergestellte Materialien zu konzentrieren, betrachten wir lebende Organismen wie Bakterien, Pilze und Algen als Quelle und Werkzeuge für neue Materialien“, erklärt sie.
Wieso Biodesign?
2014 hat Emma van der Leest so unter anderem schon eine Handtasche aus Essigsäurebakterien wachsen lassen. Dazu hat sie Zellulose kultiviert, die von Bakterien während eines Fermentationsprozesses produziert wurde. In Behältern mit gesüßtem Tee wuchsen die Bakterien zu einer dichten Zelluloseschicht heran, ähnlich wie bei Kombucha. Diese biogene Zellulose hat sie anschließend geerntet, getrocknet, geschnitten, geformt und vernäht, bis daraus eine tragbare, lederähnliche Tasche entstand. Mehrere Wochen hat es gedauert, bis ihre „Biocouture-Bag“ fertiggestellt war.
Aber wozu der ganze Aufwand? Wieso nicht einfach eine Tasche aus herkömmlichem Leder herstellen? „Biodesign ermöglicht es, Abfälle zu reduzieren, den Einsatz gefährlicher Ressourcen zu minimieren und Materialien wieder in ökologische Kreisläufe zu integrieren“, so van der Leest. Das heißt: Biodesign setzt dort an, wo herkömmliche Produktionsweisen oft Probleme verursachen. Materialien werden nicht unter hohem Energieaufwand hergestellt, sondern wachsen mithilfe natürlicher Prozesse heran – häufig aus Abfällen oder nachwachsenden Rohstoffen. Das spart Ressourcen, vermeidet Müll und denkt das Ende eines Produkts von Anfang an mit. Was entsteht, kann nach der Nutzung im besten Fall wieder in natürliche Kreisläufe zurückkehren. Biodesign zeigt damit, dass nachhaltiges Design nicht Verzicht bedeutet, sondern neue, zeitgemäße Lösungen für unseren Umgang mit Materialien bietet.

Anders von Anfang an
Für die heute 34-jährige Biodesignerin war schon am Anfang ihrer Karriere klar, dass sie Design neu denken möchte. Der Schlüsselmoment ereignete sich bei einem Besuch im Boijmans Van Beuningen Museum in Rotterdam. Als damalige Designstudentin an der Willem de Kooning Academy fiel ihr ein Exponat sofort ins Auge: eine braune Jacke mit kurzen Ärmeln und Rüschenkragen. So gewöhnlich ihr Aussehen, so ungewöhnlich war das Material, aus dem sie bestand: Zellulose, produziert von winzigen Bakterien, die in der Badewanne mit süßem grünen Tee gezüchtet worden waren. Ein Produkt der berühmten britischen Biodesignerin Suzanne Lee. „In diesem Moment wurde mir klar, dass ich keine Designerin sein wollte, die einfach nur immer mehr Dinge produziert, ohne darüber nachzudenken, was nach ihrer Nutzung mit ihnen passiert“, erinnert sich van der Leest.
Gesagt, getan: Heute zählt sie zu den bekanntesten und einflussreichsten Stimmen im Bereich Biodesign. Sie hat international mit Forschenden und Kunstschaffenden zusammengearbeitet, mehrere Preise wie den Bio Art & Design Award gewonnen, ist als Dozentin und Gastdozentin an Universitäten weltweit tätig und kuratiert Ausstellungen im Bereich Biodesign. Neben der „Biocouture-Bag“ hat sie unter anderem an einer Verpackung gearbeitet, die aus einem wachsenden Pilzgeflecht entsteht und mit pflanzlichen Reststoffen gezüchtet wird. Aktuell arbeitet sie an einer vollständig naturbasierten Beschichtung für Bio-Materialien auf Basis von Pilzen. Diese Pilzbeschichtung soll unter anderem Textilien aus Naturfasern wie Baumwolle oder Leinen wasserabweisend und widerstandsfähiger machen. Dabei wachsen die Pilze entweder als lebender Belag direkt auf den Materialien heran oder ihre Stoffwechselprodukte werden als natürliche Beschichtung aufgesprüht.

Foto Jacqueline Fuijkschot

Ideen aus dem zirkulären Labor
An ihren neuesten Entwürfen und Ideen tüftelt van der Leest im BlueCity Lab in Rotterdam. Das Labor entstand 2016 im ehemaligen Tropicana-Schwimmbad im Stadtzentrum und versteht sich als offener Experimentierraum für biobasierte Materialien und zirkuläres Design. „Ich war 2015, direkt nach meinem Abschluss, an der Gründung von BlueCity beteiligt“, so van der Leest. „Meine Hauptmotivation war es, die Einstiegshürden für Menschen zu senken, die mit lebenden Materialien experimentieren wollten, aber keinen Zugang zu Infrastruktur, Laboren oder einem kollaborativen Umfeld hatten.“
BlueCity Lab verkörpert Prinzipien der Kreislaufwirtschaft auf allen Ebenen. Das Gebäude wurde aus einem verfallenen Schwimmbad in einen lebendigen Experimentierraum verwandelt. Die Renovierung des Labors setzte konsequent auf die Wiederverwendung von Materialien. So wurden unter anderem Böden, Wände und Fassaden aus Krankenhäusern und ausrangierten Gewächshäusern genutzt. „Innerhalb des Labors werden Materialien und Nebenprodukte als Ressourcen statt als Abfall betrachtet. So dienen Abfälle aus der Landwirtschaft oder Lebensmittelindustrie zum Beispiel als Substrate für Pilze“, erklärt van der Leest weiter. Inzwischen sind etwa 50 Unternehmen und Start-ups im BlueCity-Komplex untergebracht, rund 15 davon forschen in den Laborräumen an Projekten rund um Biodesign.
Herausforderungen für die Zukunft
Bis Biodesign im Mainstream und Einzelhandel ankommt, dürfte es allerdings noch dauern. „Einige biobasierte Materialien wurden bereits in Pilotprojekten von Designschaffenden und kleinen Produzentinnen und Produzenten eingesetzt, etwa in Mode, Interior und Verpackung. Die großflächige kommerzielle Nutzung steckt jedoch noch in den Anfängen“, fasst van der Leest zusammen. Potenzial sieht sie vor allem in Branchen wie Mode, Bauwesen, Interior, Verpackung und Produktdesign. Im Bereich Mode werden zum Beispiel bereits Textilpigmente aus Bakterien und Pilzen als Alternative zu chemischen Farbstoffen entwickelt, Pilz- und Bakteriensysteme werden zudem als Alternativen zu tierischem Leder erforscht.
Eine der größten Herausforderungen sei bislang noch die Skalierung: „Der Übergang vom Labor, Atelier, von Kleinserien oder A4-großen Proben hin zur industriellen Anwendung ist mit vielen wirtschaftlichen, regulatorischen und bürokratischen Hürden verbunden“, so van der Leest. Biodesign bewege sich oft außerhalb etablierter industrieller Prozesse, was Markteinführung, Zertifizierungen und Sicherheitsprüfungen erschwere. Hinzu komme eine Wissenslücke bei Unternehmen und Behörden im Umgang mit lebenden Materialien. Erst mit mehr Erfahrung, klareren Rahmenbedingungen und Investitionen könne Biodesign den Schritt aus experimentellen Pilotprojekten in breitere Alltagsanwendungen schaffen.
Diesen langen Weg weiterhin zu gehen, wird sich aber lohnen, davon ist van der Leest überzeugt: „Es geht darum, eine neue Art von Praxis zu kultivieren, anstatt einfach nur Materialien zu produzieren. Wachsende Materialien regen dazu an, neu darüber nachzudenken, wie Dinge entstehen und welchen Wert sie haben.“
Weitere Informationen: emmavanderleest.com







