Notkers Zuversicht.
Bild: Ulrich Grober. Foto privat
Eine Spurensuche in St. Gallen
Essay von Ulrich Grober
Zuversicht! Wie fühlt es sich an, wenn wir dieses Wort hören, lesen, selber schreiben, in den Mund nehmen – schmecken? Macht es Mut? Beflügelt es? Oder hat es einen schalen Beigeschmack? Wirkt es in der Multikrise des Jahres 2026 wie … aus der Zeit gefallen? Ein Gang zu den Quellen des Begriffs könnte hilfreich sein.
In der Stiftsbibliothek St. Gallen, seit 1983 UNESCO-Weltkulturerbe, liegt die Handschrift, in der das Wort wohl zum ersten Mal erscheint. Um das Jahr 1000, im alemannisch gefärbten Althochdeutsch der Landschaft am Bodensee. Der Mönch und Gelehrte Notker, genannt „der Deutsche“, will den Schülern der St. Galler Klosterschule mûot und zûuersíht vermitteln. Immerhin erlebensie gerade so etwas wie Endzeitstimmung. Die bevorstehende Wende zum 2. Jahrtausend hat apokalyptische Ängste geschürt. Notker definiert Zuversicht, genauer gesagt: gótes zûuersiht als skilt (Schutzschild) gegen die Angst – und gegen „falsche“, illusionäre Hoffnungen. Die bezeichnet er als uuan (Wahn).

Kloster St. Gallen,
Geboren um 950 als Spross einer Adelsfamilie aus dem Thurgau, war Notker ein von seinen Schülern verehrter Lehrer. Seine Interessen waren über die Theologie hinaus breit gefächert: antike Philosophie, Musiktheorie, Kosmologie. Wohl als Erster hat er zur Bezeichnung seiner Muttersprache das Wort diutisce (deutsch) benutzt. Unermüdlich hat Notker aus dem Lateinischen übersetzt: die Psalmen des Alten Testaments, Aristoteles und – in trostbedürftiger Zeit – den „Trost der Philosophie“ des spätantiken Schriftstellers Boethius. Dort erscheint „Zuversicht“ als Übersetzung des lateinischen Wortes spes.
Notker war sich bewusst, dass auch dieses Buch von einer Untergangsstimmung geprägt war. Von dem, was Historiker des 19. Jahrhunderts als den „Untergang des Römischen Reiches“ bezeichneten. Sein Opus hatte Boethius im Kerker verfasst. Er war der Verschwörung gegen den Ostgotenkönig Theoderich angeklagt. Ihm drohte die Todesstrafe, die dann im Jahr 524 in Pavia vollstreckt wurde.
Die Handlung: Eine geheimnisvolle Frauengestalt, die Philosophia, erscheint in der Todeszelle und beginnt einen Dialog mit dem Eingekerkerten. Notker übersetzt den Text Zeile für Zeile aus dem Lateinischen ins Althochdeutsche, fügt an vielen Stellen eigene Kommentare ein.
Ein frühes Kapitel mit der Überschrift „Was macht standhaft“ mündet in ein subtiles Spiel – fast ein Glasperlenspiel – mit den Wörtern: „Philosophia“ gibt ihrem Patienten zunächst den Rat, sein Schicksal – im Guten wie im Bösen – „gefasst“ und „heiter“ anzunehmen, „Macht“ darüber zu gewinnen, es in die eigene Hand zu nehmen. Wie aber dem Zorn der Mächtigen und den Katastrophen standhalten, die so gewaltsam wüten wie das Toben der Meeresfluten und das „rauchende Feuer“ aus dem Krater des Vesuv? Hier zitiert Boethius die berühmte Sentenz der stoischen Philosophie: nichts hoffen, nichts fürchten. Das sei der „Schutzschild“ gegen Angst und Verzweiflung. An dieser Stelle korrigiert der Theologe Notker die antike Vorlage und gibt in seiner Übersetzung dem Text einen Spin: Der wahre skilt gegen existenzielle Bedrohungen sei: fester mûot und zûuersiht – und zwar auf Gott. Erst wenn man diesen Schild hinwerfe, sei man verloren.
Zuversicht ist also eine besondere Sichtweise auf Zukünftiges: die Erwartung, dass in einer tiefen Krise eine Wendung zum Guten möglich sei. Ein solches Grundvertrauen aber brauche einen „Grund“ – ein Fundament. Für Notker war es der Glaube an die lenkende Hand Gottes, an die Vor-Sehung. Die so „begründete“ Zuversicht schütze vor der Angst – und vor illusionären Hoffnungen und bloßem Wunschdenken. Untrennbar verbunden ist sie mit mûot. Im Althochdeutschen meint dieser Begriff mehr als unser heutiges Wort „Mut“. Es ist die dynamische Zusammenfassung aller körperlichen, seelischen und geistigen Kräfte, einschließlich der Willenskraft. Was mitschwingt, ist eine Nuance, die sich im heutigen Ausdruck zu Mute und im Englischen als mood – Stimmung, Gestimmtheit – erhalten hat.
Die Silvesternacht Anno Domini 1099 verlief übrigens ohne besondere Vorkommnisse. Die Apokalypse blieb aus. Notker starb 1022 an der Pest, eingeschleppt vom Heer Kaiser Heinrichs II. auf dem Rückmarsch aus Apulien über die Alpenpässe. Sein letzter Wille: zur Trauerfeier die Klostertore öffnen und die Armen der Gegend bewirten.
Was lässt sich heute damit anfangen? Der Philosoph Jürgen Habermas sprach von der „Artikulationskraft religiöser Sprachen“. Er empfahl, diese zu nutzen, um unsere modernen Begriffe zu erhellen, ihnen neue Tiefenschärfe zu geben. Nehmen wir Notkers Metapher vom „Schutzschild“. Sie kommt dem gegenwärtigen Modewort „Resilienz“ sehr nahe. Es meint Selbstschutz und Selbstsorge, die Fähigkeit, Erschütterungen abzuwehren, sich nicht dauerhaft verformen zu lassen, Schocks zu verarbeiten – aus Krisen gestärkt hervorzugehen: Zuversicht macht resilient. Notker koppelt Mut und Zuversicht. Aus dieser Synthese entsteht ein „Mindset“, eine Gestimmtheit, eine Grundbefindlichkeit. Für einen selbst und für eine Gesellschaft in prekären Zeiten ist eine solche Grundeinstellung Voraussetzung, um handlungsfähig zu bleiben.
Und Notkers Zuversicht – zu Gott? Festzuhalten ist hier: Hoffnung braucht einen „Grund“ – ein Fundament. Eine religiös fundierte Gewissheit kann es heute nicht mehr sein. Die offene Gesellschaft lässt diese Frage offen. Ob wir der Schöpfungsgeschichte folgen oder der Yīn-Yáng– Kosmologie oder der Erzählung vom „Urknall“ und einer darin angelegten planetaren Harmonie – das ist letztlich nicht entscheidend. Was jedoch einen möglichst breiten Konsens finden und uns einen sollte, ist die „Ehrfurcht vor dem Leben“ (Albert Schweitzer). Heute sprechen wir von Respekt und Staunen, von Vertrauen in das „web of life“, das Gewebe, das Netz des Lebens auf dem blauen Planeten. Diese Grundhaltung war und bleibt die Matrix für das Prinzip Nachhaltigkeit. „Matrix“, das ist die Gebärmutter. Nachhaltigkeit antwortete auf die globale ökologische Krise, hat sich weltweit verbreitet, wurde zum Leitbild. Ich denke, unumkehrbar. Momentan werden Klima- und Artenschutz, ein solidarisches Miteinander nicht nur in Trumps USA als „woke“ Ideen bekämpft. Als Marotte von Minderheiten. Dieses Rollback ist fatal. Dass so viele dafür empfänglich sind, muss uns zu denken geben. Was tun? „Der machtvollste Instinkt des Menschen ist der Instinkt, zu überleben“ (Salman Rushdie). Diesen Impuls in nachhaltige Bahnen zu lenken, bleibt die vornehmste Aufgabe. Strategien wie „Rette sich, wer kann“, grenzenloses Wachstum, geopolitische Machtkämpfe beruhen auf … falschen Hoffnungen. Sie sind obsolet. Es geht um unsere gemeinsame Zukunft in der einen Welt. Nachhaltigkeit ist der Schlüssel zum Überleben der Menschheit.
„Hoffnung – wider alle Hoffnung“ hat der Apostel Paulus in der Zeit des Urchristentums und der Katakomben eingefordert. Hoffnung in einer verzweifelten Lage! Bei seiner Auslegung dieses Textes sprach Luther von „verwegener Zuversicht“. Ein kühner Sprung in das Jahr 2026: Bei der Amtseinführung des neuen Bürgermeisters von New York, Zohran Mamdani, wurde eine Influencerin aus der Generation Z nach dem Antrieb für ihr Engagement gefragt. Sie antwortete kurz und bündig: „Radical hope“. Und die TV-Dokumentation über den britischen König Charles III. und dessen Vision von natürlichem Gleichgewicht endet mit dem Satz: „Selbst unter schwierigen Umständen – Harmonie bringt Hoffnung“. Notker lässt grüßen?

Ulrich Grobers aktuelles Buch: „Die Sprache der Zuversicht“, oekom Verlag, München 2022. Im Sommer 2026 erscheint sein Buch über die Konturen von „radikaler Hoffnung“.

Einen hervorragenden Einblick in das Leben und Wirken von Notker bietet der Ausstellungskatalog „Zeitenwende. Notker der Deutsche († 1022)“, hg. von Andreas Nievergelt, Verlag am Klosterhof St. Gallen, 2022.







