Regeneration als Designidee
„Coral reef. Regeneratives Design“. Foto: ©IDRV
Sterbende Korallen leuchten: Diese faszinierende Reaktion der Wasserlebensformen auf die Klimakrise hat sich eine wandernde Ausstellung zum Anlass genommen, um über zukünftige Strategien im Design nachzudenken – und wie dieses nicht nur nachhaltig, sondern auch regenerativ sein kann.
Von Magdalena Mayer
Korallen, gehäkelt aus 30 Kilometer Papier: Betritt man die Ausstellung „Coral reef. Regeneratives Design“, ein Format im Rahmen der „Imagine Arts & Ideas Initiative“ des österreichischen Außenministeriums (BMEIA), steht man plötzlich in einem Unterwasserriff. Eine entrückte Welt, gestaltet aus leuchtenden Papierstreifen im abgedunkelten Raum, die Anlass sein soll, über ein greifbares Handlungsfeld des Menschen nachzudenken: über die Zukunft von Design. Genau darum geht es bei diesem Teil des Imagine-Programms des BMEIA, der sich als Wanderausstellung vor allem am Westbalkan bewegt. Nach Schauplätzen in Sarajevo und Tirana (und einem Abstecher ins Kunstgewerbemuseum Berlin) ist im Frühling Belgrad die nächste Station, im Herbst ist ein Stopp in Pristina geplant. Die Hauptfrage, die mit an jeden Ort zieht: Was ist regeneratives Design und warum könnte oder sollte es das Modell für einen notwendigen Paradigmenwechsel sein?
Strategien der Natur im Design
Die Papierstreifen, die dem Häkelprojekt „Crochet Coral Reef“ von Christine und Margaret Wertheim entstammen, formen an jeder Station als Auftakt der Schau ein immersives Szenario aus der Natur nach. Korallenriffe können sich bei Schäden überraschend schnell erholen. Doch die Regeneration gelingt immer seltener, durch den Klimawandel droht ein Absterben durch Ausbleichen.
Bevor die Bleiche einsetzt, wehren sich die Korallen, wodurch sie in Neonfarben schillern. Auch die Papierstreifen in der Ausstellung leuchten im Dunkeln unter UV-Licht von Violett bis Blau, wie Harald Gründl erklärt, der in Wien das „Institute of Design Research“ (IDRV) leitet und mit diesem für die Kuratierung, Recherche und wissenschaftliche Begleitung des Projekts verantwortlich zeichnet. Zur faszinierenden Lebensform der Koralle hätten alle ein Bild, so habe man sie als poetische Metapher gewählt: „Korallen sind ein Positivbeispiel für ein komplexes biologisches System und gleichzeitig eines der ersten, das der Mensch vermutlich zerstören wird. Wir fanden sie auch deshalb interessant, weil sie in Österreich als Metapher nicht naheliegend sind. Aber alles, was wir hier in den Fluss werfen, kommt im Ozean an.“


Recycling verursacht Emissionen, nicht alle Abfälle werden verwertet: Nachhaltig ist das für Gründl nicht. Eine Grundbedingung für das regenerative Design, mit dem sich die Ausstellung ausgehend von der Koralle auseinandersetzt, ist für ihn Kreislaufwirtschaft, gepaart mit entschlossenen Schritten, die über Sustainable Design hinausgehen. „Damit sind wir nämlich noch kein produktiver Teil der Natur geworden. Nur ein weniger zerstörerischer.“ Um mögliche Wege anhand von Objekten aufzuzeigen, folgt in der Ausstellungsdramaturgie (die von Harald Gründls Designteam EOOS stammt) auf die Koralle eine weitere Idee: Dem Konzept für regeneratives Design sind sieben Prinzipien vorangestellt, die von den Leitlinien des deutschen Biologen und Philosophen Andreas Weber abgeleitet wurden. Er beschreibt diese in seinem 2016 erschienenen Buch „Enlivenment. Eine Kultur des Lebens“.
Darin imaginiert er eine lebendige Biosphäre, in der alle Lebewesen gleichwertig teilhaben. Das möge romantisch oder utopisch klingen, sei aber eine lehrreiche Grundlage für eine Verknüpfung von Natur und Design, die eine Natur-Kultur-Dualität überwinde, meint Gründl. Die Spielregeln, die das Team ausgehend davon entwickelt hat, lesen sich einfach – lokale Regeln beachten, Ressourcentausch, Gemeingüter bewahren. Die Anwendung an konkreter Objektgestaltung mutet schwieriger an. Wie kommt man etwa weg von „Human-centered Design“ und hin zur Berücksichtigung von nicht-menschlichen Akteurinnen und Akteuren?
Regeneration am Beispiel Zahnbürste
„Die Natur ist natürlich viel schlauer. Wie regeneratives Design konkret ausschaut, ist unklar, da ist noch viel Imaginationsraum“, räumt Gründl ein und verweist darauf, dass die Schau mehr Fragen aufwirft als sie beantwortet – künstlerische, technische, wissenschaftliche, soziale. Die Ausstellung sei niederschwellig gedacht. An alltäglichen Anwendungen solle vorgeführt werden, wie Design es besser machen könne. Für jedes der sieben Prinzipien wählten Gründl und sein Team ein in Österreich designtes Objekt zur Veranschaulichung. Aus der Modeklasse der Universität Linz reist ein Kleid aus alten Fasern nach Belgrad und befragt den Weg von Ressourcenverschwendung zu einem Materialkreislauf. Die Biofabrique Vienna steuert einen Lehmziegel aus einem U-Bahn-Aushub bei, der als atmungsaktives Material wiederverwertet werden kann. Schuhe aus Raschgras, die traditionell in Salzburg hergestellt werden, regen zum Nachdenken an: Wie könnte man naturnahe Prinzipien im lokalen Handwerk neu interpretieren? Eine Blumenkiste ist so designt, dass sie nicht-menschlichen Lebewesen Unterschlupf bietet; eine Blindentastatur, die jeder in offenen FabLabs mit 3D-Druck erzeugen kann, fragt nach der Wichtigkeit von Design ohne Copyrights. Viele der Projekte, die den Weg in die Schau fanden und finden, denken Prinzipien der kapitalistischen Wirtschaftsweise um.
Er und sein Team hätten die Ausstellung als experimentelles Format konzipiert, schildert Gründl. „Sie lernt mit jedem Mal dazu und entwickelt sich weiter, wir kuratieren immer neu.“ Zu diesem Wachsen und Verändern, das auch aus der Natur übernommen ist, gehört die Zusammenarbeit mit lokalen Universitäten. In Belgrad werden Studierende anhand eines scheinbar simplen Objekts überlegen, was daran regenerativ sein kann: einer Zahnbürste. Auf ihr leben Bakterien, Design und Natur begegnen sich. Die Ergebnisse der Workshops fließen in die Schau ein. Auch in Österreich will Gründl die Forschung an regenerativem Design vorantreiben, die im angelsächsischen Raum bereits viel populärer sei. An der Universität für angewandte Kunst Wien fand zuletzt unter dem Leitsatz „Design Revolution Now!“ eine erste derartige Lehrveranstaltung statt. Daraus entstand ein „Regenerative Design Lab“. Wie es mit diesem weitergeht, ist mitunter von Finanzierungsfragen abhängig; Gründl wünscht sich jedenfalls weiter einen Raum für interdisziplinäre Inputs, zum Beispiel für Materialforschung. „Ein Verhandeln von regenerativem Design im Safe Space der Universitäten ist wichtig. Ein nächster Schritt ist dann auch der Austausch mit der Industrie.“
TIPP
IMAGINE: Coral Reef. Regeneratives Design
Museum of Applied Arts in Belgrad: 13. Februar – 13. März 2025
Pristina: geplant 15. Oktober – 15. November 2025
Prinzipien für „Regeneratives Design“, angelehnt an Andreas Webers Essay „Enlivenment“ (Ausstellungstext)
Lokale Regeln beachten: Ökologische Prinzipien werden je nach Ort und Kultur durch Design neu imaginiert.
Natur-Kultur-Beziehung: Menschliche und nicht-menschliche AkteurInnen in einem holistischen Designprozess berücksichtigen – Posthumanismus statt „Human-centered Design“.
Gemeingüter bewahren: Designprozesse, welche die Meere, die Atmosphäre (CO2!) und die Biodiversität des Lebens fördern, schützen und regenerativ nutzen.
Material als Bedeutung: Die Ästhetik und Weisheit der Natur als Inspiration für Designlösungen nutzen.
Kreatives Netzwerk: Die Gestaltung von Kultur folgt dem natürlichen Prinzip des dynamischen Gleichgewichts, das Lebendigkeit und Transformationsfähigkeit durch permanente Kreativität erschafft.
Design ohne Copyright: Weg mit dem Urheberrecht und Patenten! Open-Source-Design! Aus dem Spielen mit Vorhandenem wird Neues (Creative Commons).
Ressourcentausch: Aus Abfall wird Nahrung für Neues. Die Gestaltung von biologischen und technischen Kreis-läufen ohne weitere Ressourcenausbeutung bestimmt das Design („Circular Design Rules“ für die Kreislaufwirtschaft, „Cradle-to-Cradle“-Prinzipien).






